Im März 2026 schließt der krautART ARTspace in Berlin-Lichtenberg. Nach acht Jahren Ausstellungen – z.Bsp. der Salon de Refusées mit Künstler:innen aus über 20 Ländern, Artist Talks und künstlerischen Experimenten – geht eine Ära zu Ende, weil der Vermieter andere Pläne hat.
Am 31. März geben wir den Schlüssel ab.

Ich könnte jetzt über meine letzte Werkschau in diesem Raum schreiben. Das werde ich auch – später. Zunächst möchte ich euch meine aktuellste (KI-gestützte) Recherche zur Atelier-Situation in Berlin vorstellen. Denn der krautART ARTspace ist nur ein Sandkorn in einer Lawine.

1.054 Ateliers, 10.000 Künstler:innen – und eine Zuteilungsquote von 3,3 Prozent

Berlin hat ein Arbeitsraumprogramm (ARP), das in seiner Form weltweit einzigartig ist. Entstanden nach der Wende, aufgebaut über drei Jahrzehnte, internationales Vorbild. Stand Ende 2024: 1.054 geförderte Ateliers in rund 60 Atelierhäusern, verwaltet vom Atelierbüro im kulturwerk des bbk berlin. Davon profitieren etwa 1.140 Künstler:innen.

Doch dem gegenüber stehen 10.000 professionelle bildende Künstler:innen in Berlin. 63 Prozent von ihnen haben kein eigenes Atelier. 81 Prozent sind aktiv auf der Suche. Die Zahlen stammen aus der Bedarfserhebung des Atelierbüros von 2023 und der Studie „Von der Kunst zu leben“, die wir auf krautART analysiert haben. Die Realität dahinter ist prekär: 73 Prozent der Berliner Künstler:innen haben maximal 1.500 Euro im Monat zur Verfügung, ein Drittel sogar weniger als 1.000 Euro.

Wie sich das in der Praxis anfühlt, zeigt eine einzige, brutale Zahl: Im Jahr 2025 standen für 1.400 qualifizierte Bewerbungen genau 47 Ateliers zur Vergabe. Das ist eine Zuteilungsquote von 3,3 Prozent. Über 96 Prozent der suchenden professionellen Künstler:innen fallen durch das Raster der staatlichen Förderung.

In diese ohnehin angespannte Situation hinein hat der Berliner Senat in den Jahren 2024 und 2025 massiv gekürzt. Die Mittel für den Ausbau neuer Arbeitsräume sanken um 85 Prozent – von 21,35 Millionen auf 3,225 Millionen Euro. Für die Bestandssicherung wurden zusätzlich 5,4 Millionen Euro gestrichen. Die Kulturraum Berlin gGmbH (KRB), 2020 unter Kultursenator Klaus Lederer gegründet, um bezahlbare Arbeitsräume zu sichern, stand laut Haushaltsbeschluss 2025 kurz vor der Abwicklung.

Kultursenator Joe Chialo hatte 2023 noch angekündigt, die Zahl der Ateliers bis Ende des Jahrzehnts zu verdoppeln. Seine Nachfolgerin, Kultursenatorin Sarah Wedl-Wilson, erbte im Mai 2025 einen Haushalt, in dem von dieser Verdopplung nichts übrig war. Im Dezember 2025 wurde der Doppelhaushalt 2026/2027 vom Abgeordnetenhaus beschlossen: Der Kulturetat liegt bei 981 Millionen Euro für 2026. Das klingt viel (“Rekordhaushalt”). Aber nach den Kürzungen von rund 130 Millionen im Vorjahr und unter Berücksichtigung von Tarifsteigerungen und Inflation bedeutet das real: Die Substanz schrumpft weiter.

 

Düstere Illustration einer großen Menschenmenge, die als schwarze Silhouetten vor einer massiven, grauen Betonmauer im Schnee steht. In der Mitte leuchtet ein schmaler Türspalt in intensivem Pink (#dc478b) und symbolisiert den extrem begrenzten Zugang zu Kunst-Ateliers in Berlin, während die Masse davor in der Dunkelheit wartet.

Die eigentliche Blockade: Warum Leerstand wertvoller ist als Kunst

Wer die Debatte um das Ateliersterben verfolgt, hört immer wieder: Der Immobilienmarkt sei schuld. Zu teuer, zu wenig Angebot. Das stimmt – aber es ist eine verkürzte Wahrheit. Wir müssen über Bilanzierungsregeln sprechen.

Der Berliner Büromarkt hat laut Colliers-Marktbericht Q3 2025 eine Leerstandsquote von 8,1 Prozent – rund 1,9 Millionen Quadratmeter. Fläche wäre also physisch da. Aber die Durchschnittsmiete liegt bei 26,30 Euro pro Quadratmeter. Die Schmerzgrenze für geförderte Ateliers liegt bei maximal 8,50 Euro warm.

Warum senken Eigentümer die Miete nicht, um den Leerstand zu füllen? Bei den institutionellen Investoren, die in den letzten Jahren verstärkt Berliner Gewerbeimmobilien aufgekauft haben – Fondsgesellschaften, börsennotierte Immobilienkonzerne, internationale Anleger wie Coros Management oder Wohninvest –, liegt das an der Bilanzlogik. Diese Akteure bewerten ihre Portfolios nach internationalen Rechnungslegungsstandards (IFRS), speziell nach dem „Fair Value”-Prinzip (IAS 40 in Verbindung mit IFRS 13). Dabei wird der Wert einer Immobilie nicht nach dem bewertet, was sie ist, sondern nach dem, was sie theoretisch erwirtschaften könnte – dem sogenannten „Highest and Best Use”-Prinzip.

Das perverse Ergebnis: Eine leerstehende Fläche kann in der Bilanz mit einer fiktiven Marktmiete von 25 Euro bewertet werden („temporärer Leerstand”). Sobald der Eigentümer jedoch einen langfristigen Mietvertrag über 8 Euro für ein Atelier unterschreibt, fließt dieser niedrige Wert in die Ertragswertberechnung ein. Der Fair Value der Immobilie sinkt, der Buchwert muss nach unten korrigiert werden – mit direkter Wirkung auf Gewinn- und Verlustrechnung. Vermietung an Künstler vernichtet Buchgeld. Leerstand schützt die Bilanz.

Das betrifft nicht den kleinen Privatvermieter um die Ecke, der nach deutschem Handelsrecht (HGB) bilanziert – dort gilt das konservative Anschaffungskostenprinzip, und diese Bilanz-Dynamik greift nicht. Aber es betrifft genau jene Akteure, die in Berlin die Verdrängung treiben: institutionelle Investoren, deren Geschäftsmodell auf steigenden Buchwerten basiert. Solange deren Finanzmarktlogik über der städtischen Nutzung steht, ist ein „Trickle-Down” vom Büroleerstand ins Atelier strukturell unmöglich.

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Die zweite Blockade ist politisch: die Verpflichtungsermächtigungen (VE). Wer als Land Berlin einen Mietvertrag über zehn Jahre abschließen will, muss garantieren, dass die Miete auch 2030 noch gezahlt werden kann. Genau diese Ermächtigungen hat die Senatsverwaltung für Finanzen gesperrt. Die Folge: Selbst wenn geeignete Räume am Markt verfügbar wären, darf die öffentliche Hand keine neuen Generalmietverträge unterzeichnen. Eine faktische Blockade der Infrastruktur durch das Finanzressort.

Drei Häuser, drei Mechanismen

Das Ateliersterben in Berlin folgt keinem einheitlichen Muster. Es gibt mindestens drei verschiedene Verdrängungsmechanismen, die gleichzeitig wirken.

1. Wenn die Verwaltung die Kunst verdrängt: Sigmaringer Straße 1

Seit 2006 arbeiteten 26 Künstler:innen im ehemaligen Gesundheitsamt Wilmersdorf. 19 Jahre lang. Dann brauchte das Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf Büroflächen – weil es das Rathaus Wilmersdorf aufgegeben hatte, um Geld zu sparen. Die Konsequenz: Das Atelierhaus musste dem Ordnungsamt weichen. Im Juni 2025 zogen die Akten ein, die Kunst flog raus. Ein Fall, den der bbk berlin als mögliche “Blaupause” für andere Bezirke bezeichnet.

2. Wenn Spekulation zuschlägt: Adalbertstraße 9

Die Adalbertstraße 9 am Kottbusser Tor ist das letzte große Ateliergebäude in Kreuzberg. 2020 verkauft an Wohninvest, dann weitergereicht an Coros Management. 2021 wurden die Verträge nicht verlängert. Im Juni 2023 wehrten sich die Künstler:innen noch mit der Ausstellung „Speculative Properties“. Ende 2024 wurde dem Verein „Adalbert Neun bleibt“ gekündigt. Stand Februar 2026: Trotz Appellen der Bezirksbürgermeisterin Clara Herrmann gibt es keine öffentliche Ankaufsentscheidung durch den Senat. Hier greift das Gewerbemietrecht: Kein Kündigungsschutz, keine Gnade.

3. Wenn der Sparhammer trifft: Hobrechtstraße 31

Das Atelierhaus in Neukölln (seit 1999) sollte geschlossen werden, um 120.000 Euro Jahresmiete zu sparen. Nach massiven Protesten wurde der Vertrag im Dezember 2025 schließlich bis 2030 gesichert. Ein wichtiger Erfolg, aber einer, der 27 Menschen ein Jahr lang in existenzielle Angst versetzte.

 

Infografik mit dem Titel „DREI MECHANISMEN, EIN ERGEBNIS“ zum Ateliersterben in Berlin. Drei Boxen erläutern die Ursachen:Verwaltung verdrängt Kunst (Beispiel Sigmaringer Str. 1, Platzmangel durch Sparmaßnahmen). Spekulation (Beispiel Adalbertstr. 9, fehlender Kündigungsschutz im Gewerbemietrecht). Sparhammer trifft Kultur (Beispiel Hobrechtstr. 31, Haushaltskürzungen des Senats). Zentral wird die Zahl von 365 bis 2027 akut bedrohten Ateliers genannt. Drei Balkendiagramme schlüsseln die Standorte auf: 76 in landeseigenen Immobilien, 154 in Privatimmobilien und 135 bei der GSE/Treuhand. Datenquelle: bbk berlin, Oktober 2025.

Die Leuchtturm-Illusion

Die öffentliche Wahrnehmung wird oft durch “Leuchtturmprojekte” verzerrt. Die Realität sieht anders aus:

  • Die Uferhallen: Gelten als gerettet (Vertrag für 20 Jahre). Faktisch korrekt. Aber die Sicherung hängt an einer jährlichen Subvention von einer Million Euro. Streicht das Land diese Million im nächsten Sparhaushalt, kollabiert das Modell.
  • Prenzlauer Promenade: Als Großprojekt für 400 Ateliers gestartet, muss es inzwischen als gescheitert gelten. Verwaltungsdschungel, Leerstand trotz Raumnot.
  • Molkenmarkt: Die geplanten Neubauten liegen mit Baukosten, die Mieten von 20 Euro/qm erfordern würden, völlig außerhalb des Leistbaren. Neubau ist unter aktuellen Bedingungen keine Lösung für die Freie Szene.

Das größere Bild: 365 Ateliers akut bedroht

Die Initiative #SaveOurStudiosBerlin und der bbk beziffern die Zahl der Ateliers, deren Verträge bis Ende 2027 auslaufen und die als akut gefährdet gelten, auf 365. Die Koalition der Freien Szene spricht von einem „Frontalangriff auf die kulturelle Basis“. Was über 30 Jahre aufgebaut wurde, wird in wenigen Haushaltsjahren demontiert.

Die B.L.O. Ateliers: Selbsthilfe als Notwehr

Ich arbeite selbst in den B.L.O. Ateliers in Lichtenberg. Im April 2024 verhängte die Deutsche Bahn wegen veralteter Elektrik eine Nutzungsuntersagung. Gleichzeitig lief der Mietvertrag aus. Wir standen vor dem Nichts.

Im Dezember 2024 gelang die Einigung auf einen Vertrag bis Mai 2027 – aber nur unter der Bedingung, dass wir die Sanierung selbst stemmen. Mit Hilfe der Lotto-Stiftung und unzähligen ehrenamtlichen Stunden haben wir das Meiste geschafft. Aber es bleibt die Frage: Kann das die Zukunft sein? Künstler:innen, die nebenbei als Sanierungsmanager und Brandschutzexperten arbeiten müssen, um ihren Arbeitsplatz zu retten? Und wie soll es ab 2027 weiter gehen, wenn die Bahn ihre Position beibehält und den Mietvertrag nicht verlängert?


Was jetzt passieren muss

  1. Verpflichtungsermächtigungen freigeben: Das Instrument existiert. Die Finanzverwaltung muss es entsperren, damit Mietverträge wieder unterschrieben werden können.
  2. Gewerbemietrecht reformieren: Wir brauchen einen Kündigungsschutz für kulturelle Räume, analog zum Wohnraum. Berlin muss hierzu eine Bundesratsinitiative starten.
  3. Ankaufspolitik beschleunigen: Der Fall Adalbertstraße zeigt, dass der Senat zu langsam ist. Wir brauchen einen Schnellentscheidungsmechanismus (“Vorkaufsrecht für Kultur”) für bedrohte Schlüsselimmobilien.
  4. Transparenz schaffen: Der “unsichtbare” Schwund von Ateliers auf dem freien Markt (geschätzt 350 pro Jahr) muss endlich statistisch erfasst werden.

Und mittendrin: eine letzte Werkschau

Digitaler Flyer zur Ausstellung „Während die Maschine läuft" im krautART ARTspace. Links das Ölgemälde Théroigne von Cornelia Es Said: Frau mit erhobenem Arm vor farbigem Hintergrund, eingeschriebene Texte „no one can own the land nor the sea" und „witness". Rechts Veranstaltungsdetails auf schwarzem Grund.

 

Ich male seit zehn Jahren Machtstrukturen. Die Maschine, die ich untersuche, läuft auch durch meinen Kiez. Vom 13. bis 21. März 2026 zeige ich eine letzte Werkschau im krautART ARTspace: Während die Maschine läuft. Arbeiten aus zehn Jahren, von Persons of daily Interest über Generation Courage bis The War Machine.

Wer die Bilder sehen will, kommt vorbei. Und/oder schaut auf corneliaessaid.de. Dies ist die letzte Ausstellung in diesem Raum. Danach ist er weg – wie so viele andere.


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Über die Autorin: Cornelia Es Said ist Gründerin von krautART. Sie ist figurative Malerin und arbeitet in den B.L.O.-Ateliers in Berlin-Lichtenberg. 2024–2025 leitete sie das Forschungsprojekt Voices of the Unseen im Auftrag des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT/ITAS). 2025 war sie Finalistin des Kunstpreises der Bernd und Gisela Rosenheim-Stiftung und wurde mit dem Singulart Kunstpreis zum Internationalen Frauentag ausgezeichnet.

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