Am 10. April 2026 beginnt in Berlin eine dreitägige Konferenz, die Big Tech als politischen Gegner adressiert. Parallel zeigt die Satellitenausstellung Art against Big Tech in der Kreuzberger Lause künstlerische Positionen, die fragen: Wie erobert Big Tech Kunst — und wie wehren sich Künstler:innen?

Neun Tracks, ein Argument

Die Bewegungskonferenz „Cables of Resistance” versammelt vom 10. bis 12. April 2026 im Berliner FMP1 (Franz-Mehring-Platz 1) Aktivist:innen, Forscher:innen, Gewerkschafter:innen und Künstler:innen, die Amazon, Google, Microsoft, Meta, Tesla, OpenAI und Nvidia als das benennen, was sie aus Sicht der Organisierenden sind: eine Bedrohung für Demokratie, Klima, Arbeit und Selbstbestimmung.

Organisiert wird die Konferenz von vier Berliner Bewegungen: der Tech Workers Coalition Berlin, Berlin vs Amazon, Tesla den Hahn Abdrehen und Lause Lebt e.V. Die Themenfelder reichen von Stadtpolitik, Wasserressourcen und Arbeitskämpfen über Klimapolitik, Militarisierung und Faschismus bis zu Feminismus, Zukunftsentwürfen jenseits des digitalen Kapitalismus – und Kunst. Zu den Keynotes sprechen die Wirtschaftswissenschaftlerin Cecilia Rikap und die Autorin Nina Scholz.

Das Manifest ist präzise in seiner Analyse: Digitale Technologien treiben kapitalistische Akkumulation und ökologische Zerstörung voran, verschärfen globale Ungleichheit und stützen autoritäre Regime. Die Organisierenden fordern Zerschlagung, Vergesellschaftung und Transformation von Big Tech – und die Abschaffung jener digitalen Technologien, die mit einer gerechten Gesellschaft unvereinbar sind.

Das Programm macht konkret, was das bedeutet: Ende Gelände entwickelt Zivil-Ungehorsam-Taktiken gegen gasgetriebene Rechenzentren. AlgorithmWatch diskutiert in einer Fishbowl-Runde Strategien gegen Rechenzentrumsbaupläne. Aktivist:innen aus Frankreich, Irland und Spanien berichten von lokalen Kämpfen. Die Schweizer Initiative „KI kurzschliessen” stellt ihren geplanten Widerstandscamp vor. Alistair Alexander verfolgt die KI-Lieferkette bis in First-Nation-Gebiete in Kanada und Grönland, die wegen Seltener-Erden-Vorkommen ins Visier geraten sind. Stephen Cornford zeigt, wie das Silicon-Valley-Startup KoBold Metals historische Geodaten nutzt, um eine „Google Maps der Mineralvorkommen” zu bauen – Recycling, in seinen Worten, von Kolonialismus statt von Metallen.

‘Satelliten’-Ausstellung in der Lause

Wer die Konferenz verlässt und fünfzehn Minuten Richtung Kreuzberg läuft, landet in der Lausitzer Straße 10 – dem denkmalgeschützten Jugendstil-Gewerbehof, in dem seit über hundert Jahren gearbeitet, gewohnt und organisiert wird. Das Antifaschistische Pressearchiv apabiz, das Videoarchiv Leftvision, die Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland und rund 170 weitere Mieter:innen teilen sich den Ort. 2016 drohte der Verkauf an einen dänischen Investor, es folgten Jahre des Widerstands. 2023 übernahm die Genossenschaft „Einer für Alle” per Erbbaurechtsvertrag. Die Lause steht für einen Ort, der dem Kapitalverwertungsdruck entzogen wurde – was diesen Ausstellungsort positiv von typischen White Cubes abhebt.

In diesem Kontext zeigt die Ausstellung „ART against BIG TECH” vom 9. bis 17. April Arbeiten an zwei Standorten: im Gewerbehof Lausitzer Straße 10 (Aufgang E) und am Konferenzort FMP1. Kuratiert und organisiert wird die Ausstellung von Jo Tiffe (form:f – critical design & art), die in der Lause seit 2025 das „Critical AI Lab” betreibt. Ihr Projektzyklus „UNmask AI” befasst sich mit Hardware, Elektronikschrott, Ressourcenverbrauch und der Commons-orientierten Nutzung von KI.

Die gezeigten Arbeiten kommen aus unterschiedlichen Richtungen:

  • Kathrin Hunze macht in „Training your Best Friend” das Verhältnis zwischen Mensch und Maschine als Mixed-Media-Installation begehbar.
  • Helena Nikonole zeigt Off-Grid Wearables – tragbare Geräte für dezentralisierte Kommunikation abseits kommerzieller Netze, entwickelt mit ihrem Kollektiv 868labs.
  • Navid Razavi untersucht in „Algorithmic Gaze” die Blicklogik algorithmischer Systeme als Sound- und Videoarbeit.
  • Federico Poni generiert mit „Belinda” WiFi-Netzwerknamen als poetische Störung im Datenraum.
  • Giacomo Nanni referenziert mit „Mechanical Turk” die versteckte menschliche Arbeit hinter vermeintlich autonomen Systemen.
  • Jack Conwell, Daniel Donocan-Achi und Selin Bekcekaral zeigen das Mixed-Media-Game „Memento Mori”.
  • Sarah Fitterer und Dominik Gangl die Installation „Apoteche”.
  • Jo Tiffe ist mit „baised creatures” vertreten.
  • Cornelia Es Said zeigt „Why This Result?” (2025, Image Transfer, Collage, Acryl und Öl auf Leinen, 100 × 100 cm) – KI-generierte Outputs, ausgedruckt, zerschnitten und physisch auf Leinwand collagiert als materiale Umkehrung des Extraktionsprozesses.
  • Am FMP1 kommen weitere Arbeiten hinzu: das rainbow pill collective mit „entering the manosphere”, Maria Kaminska, Ben Christ und Fernanda Braun Santos mit „Sicherheit neu denken”, Joschi mit einer Fotodokumentation der Tesla-Proteste, reincantamento mit einem Online-Archiv.

InterLause #17: Eine Reihe, die mit Google anfing

Die InterLause Reihe entstand 2017, als Google einen Campus im alten Umspannwerk am Kreuzberger Paul-Lincke-Ufer einrichten wollte. Die erste Ausgabe behandelte Webtech-Urbanismus, Verdrängung, Gegenstrategien. Seither fanden sechzehn Veranstaltungen statt – zu Community Land Trusts, Hinterhofverdichtung, Gentrifizierung. Die Nummer 17 vollzieht einen thematischen Sprung: von der Stadtpolitik zur Technologiekritik auf der Ebene der Produktionsmittel selbst.

Am 9. April um 18 Uhr eröffnet die Ausstellung mit Vernissage und Podiumsdiskussion. Die InterLause #17 stellt die Frage: Wie kann sich Kunst gegen die Vereinnahmung durch Big Tech wehren? Lassen sich noch Nischen finden, in denen Künstler:innen sich frei bewegen können? Oder werden am Ende alle zu Zuarbeiter:innen überdimensionierter KIs, die überteuerte Abos akzeptieren müssen? Auf dem Podium diskutieren unter anderem Kathrin Hunze (UdK Berlin, Vorstand Medienkunstverein Berlin), Helena Nikonole (PhD zu LLMs und politischer Ideologie, Universität für angewandte Kunst Wien) und Navid Razavi.

KI-Bildgeneratoren wurden mit urheberrechtlich geschützten Kunstwerken trainiert, ohne Zustimmung oder Vergütung. Die Plattformen, über die Kunst sichtbar wird, gehören denselben Konzernen, gegen die sich die Konferenz richtet. Algorithmen entscheiden über Reichweite. Die teilnehmenden Künstler:innen vertreten dabei keine einheitliche Antwort: Manche arbeiten mit Sabotage und Verweigerung, andere mit Aneignung und Umkehrung, wieder andere mit bewusster Infiltration. Alle eint, dass Ignorieren keine Strategie wäre.

Physische Kunst: „Why This Result?”

„Why This Result?” ist eine der wichtigsten Fragen, die mensch einem KI-System stellen kann – und eine der wenigen, die es strukturell nicht beantworten kann. Große Sprachmodelle produzieren statistische Wahrscheinlichkeiten, keine Begründungen. Sie können nicht erklären, warum dieser Output und nicht ein anderer entstand. Wessen Daten, wessen Werte, wessen Interessen sind in das Ergebnis eingeschrieben? Wer verschwindet im Datennebel – und wer bleibt sichtbar?

Mein Beitrag zur Ausstellung ist das gleichnamige Werk (2025, Image Transfer, Collage, Acryl und Öl auf Leinen, 100 × 100 cm). Ich habe KI-generierte Outputs ausgedruckt, physisch zerschnitten und auf Leinwand collagiert und per Image Transfer aufgebracht – eine materiale Umkehrung des Extraktionsprozesses, der die Trainingsdatengewinnung der großen Modelle darstellt. Anthropic hat im Geheimen bis zu zwei Millionen physische Bücher zerschnitten und gescannt. Hier wird der Vorgang umgekehrt: Das Digitale wird physisch zerlegt, um physische Kunst herzustellen. Eingearbeitete Textfragmente – „algorithms”, „systems stutter”, „MY OUTPUT IS NOT” – sickern als Sprachfetzen aus dem KI-Diskurs in die Bildoberfläche ein. Chinesische Schriftzeichen und ein QR-Code verweisen auf die globale Infrastruktur hinter der Technologie.

Sichtbarkeit ist keine neutrale Variable – sie ist optimiert. Manche Signale werden verstärkt. Die meisten lösen sich im Rauschen auf. Das Werk benennt und bearbeitet diese Asymmetrie.

Der QR-Code im Bild führt zu krautart.de/manifesto/ – einem lebenden, ko-kreierten Manifest und dem Handbook of Digital Circumvention, das taktische Werkzeuge für Künstler:innen, Aktivist:innen und widerspenstige Denkende versammelt: Sprachstrategien gegen algorithmische Filter, visuelle Sabotage, Multi-Modell-Workflows, analoge Umwege. Das Handbook begreift Umgehung als Praxis derer, die sprechen müssen, wenn Sprechen erschwert wird. Zensur ist keine Hand auf einem Mund. Heute ist sie Architektur.


Praktische Informationen

Cables of Resistance (FMP1)
10.–12. April 2026
FMP1, Franz-Mehring-Platz 1, Berlin
Programm · Tickets und weitere Infos
Veranstaltungssprachen: Deutsch und Englisch, ausgewählte Sessions mit Simultanübersetzung.

ART against BIG TECH (LauseRia)
9.–17. April 2026
Gewerbehof Lausitzer Straße 10, 10999 Berlin, Hof 5, Aufgang E (sowie im FMP1)
Vernissage: 9. April, 18 Uhr
InterLause #17 – Podiumsdiskussion: 9. April, 19 Uhr

Öffnungszeiten LauseRia:
Während der Konferenz (10.–12. April): 16–20 Uhr
13.–17. April: 16–19 Uhr
Finissage: 17. April, 17 Uhr