Die Galerie im Turm am Frankfurter Tor zeigt vom 26. März bis 17. Mai 2026 die Gruppenausstellung Cosmic Girlboss. Kuratiert von Frances Breden, versammelt sie vier künstlerische Positionen, die das sogenannte spirituelle Unternehmertum sezieren — an der Schnittstelle von Plattformökonomie, genderspezifischem Prekarität und okkulter Ideologiegeschichte.

In Zeiten ökonomischer Erosion wenden sich Menschen dem Spirituellen zu. Das war so in der Weimarer Republik, das war so nach 2008, und es ist so jetzt, während die politische und wirtschaftliche Instabilität, die westeuropäische Demokratien jahrzehntelang in den globalen Süden exportiert haben, an die eigene Tür klopft. Die Cosmic Girlboss — ein Klischee, zugegeben, aber ein wirkmächtiges — begreift systemische Krisen als spirituelle Prüfungen des Universums. Verliert sie ihren Job, gründet sie keine Gewerkschaft. Sie lädt ihre Kristalle auf und legt Tarot.

Genau hier setzt die Ausstellung an. Das Label „spirituelles Unternehmertum” klingt nach Empowerment, funktioniert aber als Euphemismus: Es überschreibt kollektives Handeln mit individueller Manifestation und macht aus struktureller Prekarität eine Frage des persönlichen Mindsets. TikTok und Instagram befeuern diesen Mechanismus gezielt. Kostenpflichtige Tarot-Readings und algorithmisch kuratierte Horoskop-Apps boomen, vermarktet an Frauen* und queere Menschen — die Gruppen, die finanziell am verwundbarsten sind. Die vier Positionen in Cosmic Girlboss Berlin nehmen dieses Feld auseinander.

Künstler:innen in der Ausstellung

Emily Hunt — Talismane für neoliberale Systeme

Emily Hunt, Berlin-basierte Künstlerin mit australischen Wurzeln, arbeitet an einer Archäologie magischer Praxis. Ihre keramischen Objekte — groteske Handplastiken, ornamentale Wucherungen, maskenhafte Gesichter — graben sich in die visuelle Kultur der Renaissance zurück. Hunts Forschung kreist seit Jahren um die Druckgrafik des 15. und 16. Jahrhunderts: um Albrecht Dürer, Hans Baldung Grien, um die frühesten Darstellungen der Hexe als gedrucktes Propagandabild. Die Druckerpresse als erstes Massenmedium produzierte Wissen und seine Waffen gleichzeitig — Hexenverfolgung war medientechnologisch vermittelte Gewalt.

In Cosmic Girlboss dreht Hunt den Vektor. Ihre Talismane sind Schutzamulette für den prekären Alltag, Objekte, die der Girlboss-Figur den Kontakt mit dem ermöglichen, was hinter dem Algorithmus liegt: ein ernsthaftes kosmisches Geheimnis. Die Spannung zwischen ornamentaler Opulenz und funktionaler Magie trägt die Arbeit.

Salesforce Child — Kapital als Religion, Bildschirm als Altar

Summer Emerald, bekannt unter ihrem „Engelnamen” Salesforce Child, operiert am entgegengesetzten Pol. Wo Hunt historische Tiefe aufbaut, arbeitet Emerald mit der semiotischen Brutalität der Plattformökonomie selbst. Ihr Werk fusioniert Unternehmenssprache und religiöse Sprache so nahtlos, dass die Unterscheidung kollabiert. Im Universum von Salesforce Child gibt es keinen Unterschied mehr zwischen CRM-Software und göttlicher Offenbarung, zwischen Cloud-Logo und Himmelreich.

Emeralds performative Strategie: die Pseudo-Startup-Predigt. Sie positioniert ihr Publikum als Zielgruppe eines Wellness-Produkts, dessen Rezeptur aus intensivem TikTok-Scrolling besteht. Wissenschaftliche Claims mischen sich mit Heilsversprechen. Die Methode legt offen, was die Attention Economy strukturell produziert: eine Anbetung reinen Kapitals, die sich religiöser Formen bedient, weil sie auf die gleichen neuronalen Pfade zugreift. Dass Emerald ihren eigenen Substack als quasi-religiöse Schrift der „Children of Salesforce” führt, ist konsequent. Die Satire wird zur Mimikry, die Mimikry zum System.

DLBLR — Kulturelle Aneignung als Material

Das Duo DLBLR — Delaine Le Bas und László Farkas — bringt die Perspektive ein, die den anderen Positionen den Boden entzieht. Le Bas, englische Romni, Turner-Prize-nominiert, seit Jahrzehnten eine der prägenden Stimmen zeitgenössischer Roma-Kunst, arbeitet mit dem, was die Mehrheitsgesellschaft als „spirituell” konsumiert: Kristalle, Tarot, Rituale — alles mit Herkunftsgeschichten, die in der Popkultur-Version verschwinden.

Le Bas’ Praxis ist radikal DIY: Materialien aus Charity Shops und Flohmärkten, bestickt, bemalt, mit Badges versehen. Wer vom Rand einer Gesellschaft aus arbeitet, die Rom:nja seit Jahrhunderten verfolgt, hat ein anderes Verhältnis zu dem, was „authentische” Spiritualität bedeutet. Farkas, queerer Roma-Aktivist, Medienarbeiter und ehemaliger Organisator der Roma-LGBTQI-Wagen bei der Budapest und Berlin Pride, ergänzt die Frage, wer das Recht hat, kulturelle Praktiken zu rahmen. DLBLR unterlaufen die Kommerzialisierung spiritueller Traditionen in der Popkultur — und reklamieren sie gleichzeitig zurück.

Margarita Athanasiou — Faschismus, Okkultismus und das Internet

Margarita Athanasiou aus Athen ergänzt die Ausstellung um die am wenigsten sichtbare und gefährlichste Achse. Ihre textbasierten Videoessays und digitalen Collagen untersuchen die historischen Verbindungen zwischen faschistischer Ideologie, okkulten Bewegungen und deren Migration ins Internet. Von der Thule-Gesellschaft über Julius Evolas Traditionalismus bis zu den esoterischen Strömungen in heutigen Accelerationist-Foren: Okkultismus war und ist Rekrutierungswerkzeug der extremen Rechten. Die Girlboss-Figur agiert in einem digitalen Raum, der diese Infrastruktur teilt — Algorithmen unterscheiden nicht zwischen Mondphasen-Apps und Tradwife-Pipelines.

Athanasiou, Slade-Absolventin (New Media) und Mitgründerin der Athens Art Book Fair, arbeitet mit der Collage als feministischem DIY-Werkzeug. Ihre „handgemachten” digitalen Assemblagen — sie besteht auf dem Begriff — kombinieren autobiografisches Material, historische Quellen und gefundene Bilder zu dem, was sie „Frankensteinian worlds” nennt. Humor trägt dabei eine Rolle: Er balanciert die Schwere und erzeugt die Reibung, die analytische Tiefe erst ermöglicht. Ihr Mehrkanalvideo Voices (2024) ist in der Ausstellung zu sehen.

Der Ort

Die Galerie im Turm existiert seit 1965 — gegründet als Ausstellungsort des Verbands Bildender Künstler der DDR in Hermann Henselmanns Nordturm am Frankfurter Tor, seit 1990 kommunale Galerie des Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg. Frances Breden, die kuratiert, bringt als Mitglied des queeren feministischen Kunstkollektivs COVEN BERLIN und als Gründungsmitglied der Sickness Affinity Group die Erfahrung gemeinschaftsbasierter Kunstproduktion in eine kommunale Institution.

Veranstaltungen
im Rahmen der Ausstellung ‘Cosmic Girlboss’

25. März 2026, 18 Uhr — Eröffnung & Performance
Vernissage mit einer Performance von DLBLR.

30. April 2026, 19 Uhr & 2.–3. Mai 2026, ab 15 Uhr — Cosmic Counterreadings
Lesungen und Performances von Wassim Z. Alsindi, Margarita Athanasiou, Emily Hunt, Dera Luce, Salesforce Child und weiteren Gästen. Mitveranstaltet von der Forscher:innen-Gruppe Enchanted Epistemes.

17. Mai 2026, 18 Uhr — Finissage
Ausstellungsführung und Girlboss-Karaoke mit Fenek Sélavy — ein Format, das die Ambivalenz der gesamten Ausstellung in einem Abend verdichtet.

Weitere Informationen und Angaben zu Zugänglichkeit auf der Website der Galerie im Turm.


Cosmic Girlboss analysiert die Infrastrukturen, die spirituellen Kitsch produzieren — und die realen Bedürfnisse, die er bedient. Prekäre Arbeitsverhältnisse, Plattformalgorithmen und faschistische Rekrutierungsstrategien teilen denselben digitalen Raum. Die Ausstellung erkennt die Wirkmacht der kosmischen Girlboss-Figur an, zeigt ihre spirituellen Strategien als reale Coping-Mechanismen für erodierende Wirtschaftssysteme — und besteht darauf, dass das spirituelle Leben der Gegenwart mehr zu bieten haben muss als Manifestation und monetisierte Mondphasen.


Cosmic Girlboss Berlin
Galerie im Turm | Frankfurter Tor 1 | 10243 Berlin
26.03.–17.05.2026
Mo–Fr 12–18 Uhr, Sa+So 14–19 Uhr
galerie-im-turm.net

Künstler:innen: Emily Hunt, Salesforce Child (Summer Emerald), DLBLR (Delaine Le Bas & László Farkas), Margarita Athanasiou
Kuration: Frances Breden

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