Als Künstlerin, die in Berlin lebt und arbeitet, kenne ich die Zerrissenheit zwischen der unbändigen Leidenschaft für die Kunst und den harten Realitäten des Alltags nur zu gut. Eine neue, umfassende Studie mit dem Titel “Von der Kunst zu leben: Die wirtschaftliche und soziale Situation Bildender Künstler:innen in Deutschland” bestätigt nun eindrücklich, was viele von uns täglich spüren: Der Berufsstand der bildenden Kunst ist von extremer finanzieller Prekarität geprägt.

Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: 90 Prozent der befragten Künstler:innen erzielen ein jährliches Arbeitseinkommen aus künstlerischer Tätigkeit von weniger als 20.000 Euro. Zum Vergleich: In der Gesamtwirtschaft erzielen fast 88 Prozent der Vollzeitbeschäftigten ein Nettoeinkommen, das über dieser Marke liegt. Wir sind also finanziell das glatte Gegenteil der Normalgesellschaft, und das hat dramatische Folgen.

Prekäre Künstlerexistenzen: Ein malerisches Bild im impressionistischen Stil, das eine Person von hinten in einer riesigen, fast höhlenartigen Kunstgalerie zeigt. Die zentrale Figur trägt einen langen, orange-braunen Mantel und einen Hut und blickt auf eine hoch aufragende, hell erleuchtete Wand, die dicht mit Gemälden in goldenen Rahmen behängt ist. Andere Besucher sind nur als kleine, entfernte Silhouetten im tiefen Raum erkennbar, was die nachdenkliche Isolation der Hauptfigur betont. Der Farbauftrag ist pastos und sichtbar, was der Szene eine rohe, texturierte Atmosphäre verleiht. Das Bild fängt einen Moment der stillen Kontemplation und die Beziehung des Individuums zur Kunst in einem überwältigenden institutionellen Raum ein.

Ein Kampf um Anerkennung und Existenz

Die Studie zeigt, dass nur eine kleine Minderheit ihren Lebensunterhalt ausschließlich durch die Kunst bestreiten kann. Die meisten von uns sind gezwungen, einen “Einkommensmix” zu finden, der sich aus Lehrtätigkeiten, Honoraren, Ankäufen und – ganz entscheidend – aus nicht-künstlerischen Nebenjobs oder der finanziellen Unterstützung von Lebenspartner:innen zusammensetzt. Das ist ein Balanceakt, der uns permanent an unsere Grenzen bringt.

Besorgniserregend sind die nach wie vor bestehenden geschlechtsspezifischen Unterschiede. Die Studie stellt fest, dass Frauen zwar zunehmend in der Kunstszene vertreten sind – ihr Anteil an den Befragten liegt bei 68 Prozent und bei den Kunststudierenden sogar bei zwei Dritteln – aber sie werden dennoch in ihrer Karriere systematisch benachteiligt. Frauen erzielen geringere Einkommen als ihre männlichen Kollegen, sind häufiger von Care-Arbeit betroffen und seltener in internationalen Galerien vertreten. Die Studie spricht hier von einem “Gender Pay Gap” von 30 Prozent in der bildenden Kunst und einem “Gender Show Gap” – der Ungleichheit in der Sichtbarkeit. Das ist ein Rückschlag für die Gleichstellung, den wir nicht hinnehmen dürfen.

Die Konsequenzen dieser finanziellen Unsicherheit ziehen sich bis ins Alter. Mit einer durchschnittlichen gesetzlichen Rente von weniger als 800 Euro sind 54 Prozent der Künstler:innen im Ruhestand von Altersarmut bedroht. Viele von uns müssen daher über das Rentenalter hinaus weiterarbeiten, sei es aus finanzieller Notwendigkeit oder aus intrinsischer Motivation.

Prekäre Künstlerexistenzen: Ein warmes, intimes und malerisches Bild, das im Nah-Fokus die wettergegerbten, knorrigen Hände einer älteren Künstlerin zeigt. Die Hände, von Falten und Lebenserfahrung gezeichnet, sind in eine filigrane Tätigkeit vertieft und flicken oder weben mit einer Nadel an einem bunten Patchwork aus Stoffen. Die Stoffe in ihrem Schoß leuchten in satten Blau-, Ocker- und Erdtönen. Der Stil ist expressiv und malerisch, was der Szene eine weiche, fast zärtliche Textur verleiht. Die gesamte Komposition strahlt eine Atmosphäre von Würde, Beharrlichkeit und der unermüdlichen, stillen Kreativität aus, die auch im Alter fortbesteht.

Die Politik am Scheideweg: Zwischen Kürzungen und Notlösungen

Die Ergebnisse der Studie sind ein dringlicher Appell an die Politik, die Rahmenbedingungen für uns Künstler:innen zu verbessern. Doch die Realität sieht oft anders aus. Parallel zu diesen alarmierenden Daten sehen wir in der Kulturpolitik eine bedenkliche Entwicklung. Der anfängliche Entwurf für den Bundeshaushalt 2025 sah eine Kürzung der Mittel für die Stiftung Kunstfonds von 5,25 Millionen auf 2,9 Millionen Euro vor, was fast einer Halbierung gleichgekommen wäre.

Dank des massiven Engagements der Kulturlandschaft konnte die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien dieses Szenario abmildern. Sie stellte zusätzliche Mittel bereit, wodurch der Kunstfonds für das Jahr 2025 nun ein Budget von 3,9 Millionen Euro zur Verfügung hat. Zwar ist das eine Steigerung im Vergleich zum ursprünglichen Haushaltsentwurf, doch es bleibt eine deutliche Kürzung gegenüber dem Vorjahr und zeugt von einer prekären Priorisierung.

Das ist ein fatales Signal in einer Zeit, in der wir uns mit einer unsicheren Zukunft konfrontiert sehen. Denn gerade in Zeiten des Umbruchs ist die Arbeit von Künstler:innen wichtiger denn je, um diese Veränderungen verstehen und verarbeiten zu können. Künstler:innen brauchen keine Almosen, sondern eine verlässliche und nachhaltige Förderung. Die Bundeskulturfonds fordern zu Recht ein Fördervolumen von 10 Millionen Euro, um die Szene nachhaltig zu stärken. Doch solange wir in einem Haushaltsumfeld agieren, das von Sparzwängen geprägt ist, bleibt der Kampf um jeden Euro eine zermürbende Realität.

Die Studie identifiziert die finanziellen Unsicherheiten und den Wegfall von Förderprogrammen als die größten Herausforderungen. Und sie unterstreicht, wie wichtig bezahlbare Atelierräume und verlässliche Ausstellungsorte sind.

Prekäre Künstlerexistenzen: Ein atmosphärisches, malerisches Bild in monumentaler Komposition. Im Zentrum liegt der riesige, zerbrochene Kopf einer klassischen Statue auf der Seite, von tiefen Rissen durchzogen und in Trümmer zerfallen. Um die Ruine herum stehen mehrere kleine Gruppen von Männern in identischen, dunklen Anzügen, die das zerfallene Kunstwerk unbewegt und emotionslos betrachten. Die Szene spielt in einer großen, neoklassizistischen Halle mit hohen Säulen und einem rissigen Steinboden. Die Farbpalette ist in gedämpften Beige-, Creme- und Grautönen gehalten, was die düstere und ernste Stimmung unterstreicht. Das Bild vermittelt ein Gefühl des kulturellen Verfalls, der von einer kalten, bürokratischen Instanz beobachtet wird.

Was tun?

Die Studie macht auch Vorschläge, wie sich die Situation verbessern lässt: verlässliche Honorare, die Stärkung des Urheberrechts und eine bessere Absicherung im Krankheits- und Rentenfall. Wir Künstler:innen selbst müssen uns stärker professionalisieren, was PR und Selbstvermarktung angeht, aber auch die Politik ist in der Pflicht, uns dabei mit kostenlosen oder kostengünstigen Beratungsangeboten zu unterstützen.

Ich glaube fest daran, dass Kunst einen wichtigen gesellschaftlichen Beitrag leistet – sei es bei der Förderung von Toleranz, der allgemeinen Bildung oder der Wertebildung. Künstler:innen engagieren sich ehrenamtlich in Vereinen und Stiftungen und bringen sich aktiv in den öffentlichen Diskurs ein. Aber wir können diese Rolle nur erfüllen, wenn unsere Existenz nicht ständig in Frage steht. Die prekäre Künstlerexistenz ist keine Randerscheinung, sondern ein systemisches Problem. Wir müssen gemeinsam dafür kämpfen, dass die Kunst in Deutschland nicht nur überlebt, sondern auf einem soliden Fundament gedeihen kann.