RAW-Gelände, Berlin-Friedrichshain, Juli 2025. Foto: Plaksie, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Eine Analyse der Verdrängungsmuster in Berlins Kultur- und Clubszene, 2024–2026
Am 14. April 2026 lädt Florian Falkenhagen, Vorstandsmitglied der Genossenschaft RAW Kultur L e.G. und Geschäftsführer des Clubs Cassiopeia, zum Kampagnenauftakt ins Crack Bellmer auf dem RAW-Gelände in Berlin-Friedrichshain. Der Anlass: Die Zukunft des flächenmäßig größten Kulturzentrums Deutschlands steht auf dem Spiel. Über 80 Projekte aus Kunst, Sport, Jugend- und Clubkultur, mehr als eine Million Besucher:innen jährlich – und kein einziger gültiger Mietvertrag. Die Kampagne heißt „Berlin ist RAW”.
Seit dem 22. Januar 2026 hat die Kurth Immobilien GmbH, Eigentümerin eines Großteils des Areals, den Betrieb von vier Clubs untersagt: Cassiopeia, Weißer Hase, Crack Bellmer und Zum schmutzigen Hobby. Der Tagesspiegel berichtete, auch der Lokschuppen sei betroffen. Begründung der Eigentümerin: Brandschutzbedenken, ausgelöst durch die Feuerkatastrophe in der Bar Le Constellation im Schweizer Wintersportort Crans-Montana vom 1. Januar 2026, bei der 41 Menschen starben. Die Kurth-Gruppe habe das Bezirksamt am 8. Januar zum wiederholten Mal um Brandschutz-Unterlagen gebeten – und keine Antwort erhalten.
Die Berliner Zeitung schreibt am selben Tag, der Verbleib der Clubs auf dem Areal basiere mietrechtlich nur auf einer Duldung. Der Betrieb, den sie aufrechterhalten, findet formal ohne Nutzungserlaubnis statt. Maik Jech vom Weißen Hasen beschreibt die Situation im FAZEmag (Ausgabe 170, April 2026):
„Wir arbeiten unter maximaler Unsicherheit. Wir wissen nicht, wie lange wir noch öffnen können. Entscheidungen, die sonst Monate im Voraus fallen, hängen plötzlich davon ab, ob es nächste Woche weitergeht.”
Die Bezirksverordnetenversammlung (BVV) Friedrichshain-Kreuzberg verabschiedete am 25. Februar 2026 mit den Stimmen von Grünen, Linken und SPD die Resolution „Rettet die Clubs auf dem RAW-Gelände”. Darin heißt es, das Gelände sei „ein Ort mit internationaler Strahlkraft” und die kulturellen Orte hätten eine „jahrzehntelange Tradition”. Die BVV wertet das Vorgehen der Kurth-Gruppe als Druckmittel im seit über einem Jahrzehnt stockenden Bebauungsplanverfahren. Die Kurth-Gruppe weist politische Motive zurück.
Am 28. März 2026 zog eine Rave-Demo unter dem Titel „Bass mit Herz”, organisiert von Slust e.V. und unterstützt vom Weißen Hasen, vom Hermannplatz in Neukölln zum RAW-Gelände. Am 14. April folgte der Kampagnenauftakt. Und am selben Tag interviewte radio3 (rbb) Falkenhagen zur Hintergrundlage.
Foto: Roy Zuo, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0
Der Eigentümer-Hebel: Mietvertrag, Brandschutz, Hochhaus
RAW-Gelände: Die Kurth-Gruppe und der Zehn-Jahres-Deal
Das RAW-Gelände an der Revaler Straße, ein 85.000 Quadratmeter großes ehemaliges Reichsbahnausbesserungswerk, gehört zu Teilen vier verschiedenen Eigentümern. Den westlichen Abschnitt – rund 52.000 Quadratmeter und damit zwei Drittel des Areals – kaufte die Göttinger Kurth Immobilien GmbH 2015 für kolportierte 25 Millionen Euro. Auf diesem Abschnitt befinden sich die meisten bedrohten Einrichtungen: Clubs, Skatehalle, Kinderzirkus, Ateliers, Werkstätten.
Der Grundkonflikt ist schnell erzählt, aber in seiner Tiefe komplex. 2019 einigten sich die Kurth-Gruppe, das Bezirksamt und Beteiligte vom Gelände nach einem mehrjährigen Dialogverfahren auf einen Aufstellungsbeschluss für einen Bebauungsplan. Der Deal: Kurth darf im großen Stil neu bauen – Büroflächen, ein bis zu 100 Meter hohes Hochhaus (Entwurf: Holzer Kobler Architekturen / Atelier Loidl). Im Gegenzug wird das „Soziokulturelle L” (SKL), ein Gebäudekomplex mit denkmalgeschützten Backsteinbauten, durch einen Generalmieter für mindestens 30 Jahre zu symbolischen Mieten gesichert. Clubs, Skatehalle, Kinderzirkus und Ateliers können bleiben.
Seitdem sind sieben Jahre vergangen. Der Bebauungsplan existiert nicht. Der Generalmieter existiert nicht. Die 30-Jahres-Verträge existieren nicht. Was existiert, ist eine Duldung.
Die taz legte im März 2026 die Konfliktarchitektur offen: Lauritz Kurth, Geschäftsführer der Kurth Immobilien, kritisiert den Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg und insbesondere Baustadtrat Florian Schmidt (Grüne) für fehlenden Umsetzungswillen. Schmidt argumentiert, dass eine Vereinbarung dieser Komplexität sorgfältige Prüfung brauche. Zudem hat Kurth seine Forderungen erweitert: Er will auf dem Gelände inzwischen auch Wohnungen bauen, obwohl die BVV Wohnungsbau auf dem Areal ausdrücklich ausschließt – wegen der absehbaren Lärmkonflikte zwischen Clubbetrieb und potenzieller Nachbarschaft. Genau jener Mechanismus, der in Berlin in den letzten Jahren mehrere Clubs verdrängt hat.
In einem Interview mit Entwicklungsstadt.de (Oktober 2025) betonte Lauritz Kurth: „Fest steht: Je mehr Zeit verstreicht, bis Förderung und Kosten durch eine Bebauung kompensiert werden können, desto weniger Spielraum bleibt, die Mieten auf dem RAW weiterhin zu subventionieren.” Die Kulturprojekte auf dem Gelände zahlen bisher sogenannte „Mikro-Mieten” – ein Zugeständnis, das an die Aussicht auf die Baugenehmigung geknüpft war.
Mitte Mai 2026 soll es laut Falkenhagen eine Einigung über den Generalmieter geben. Im Gespräch seien die Kulturraum Berlin GmbH, die Berliner Immobilienmanagement GmbH (BIM) und die Genossenschaft vom Haus der Statistik. Bis dahin leben die Clubs in juristischer Schwerelosigkeit.
Die Padovicz-Gruppe: 200 Häuser in Friedrichshain
Parallel zum RAW wirkt in Friedrichshain ein zweiter Eigentümer, dessen Methoden in der öffentlichen Berichterstattung breiter dokumentiert sind. Die Renate-Betreiber bezeichneten den Immobilieninvestor Gijora Padovicz in ihrer Abschiedsmitteilung (August 2024) als „berüchtigten Immobilieninvestor” und erklärten, die Padovicz-Gruppe sei „bekannt für die Maximierung von Profiten durch Mietsteigerungen, Verdrängungen und Zwangsräumungen”. Dem Firmengeflecht der Gruppe gehören allein in Friedrichshain über 200 Häuser und Grundstücke, darunter die Immobilien, in denen Watergate und Wilde Renate operierten.
Laut taz verdoppelte Padovicz 2017 die Miete des Watergate und brachte den Club in existenzielle Schwierigkeiten. Bei der Renate sei die Miete in den letzten Jahren ebenfalls mehr als verdoppelt worden. Das Watergate schloss zum Jahreswechsel 2024/2025 nach 22 Jahren, die Renate folgte Ende 2025. Die Padovicz-Gruppe äußert sich in der Regel nicht öffentlich zu den Vorwürfen. Am selben Spreeufer wurden zuvor bereits die Rummels Bucht und der queere Wagenplatz „Mollies” für Luxusneubauprojekte geräumt. Das queer-feministische Hausprojekt Liebig34 wurde 2020 mit einem massiven Polizeiaufgebot geräumt – der Eigentümer: Gijora Padovicz.
Foto: A.Savin, Wikipedia, Freie Kunst Lizenz – „A.Savin, Wikipedia”
Der bundeseigene Konzern als Vermieter: Die B.L.O.-Ateliers
Die B.L.O.-Ateliers in der Kaskelstraße 55 in Berlin-Lichtenberg – ein ehemaliges Bahnbetriebswerk, 12.000 Quadratmeter, 64 Ateliers und Werkstätten, rund 90 bis 100 Künstler:innen und Kunsthandwerker:innen aus über 20 Ländern – stehen seit 2024 im Zentrum eines Konflikts mit einer Eigentümerin, die anders als die Kurth-Gruppe oder die Padovicz-Gruppe kein privater Renditeinvestor ist: die DB InfraGO AG, eine hundertprozentige Tochter der Deutschen Bahn und damit ein bundeseigenes Unternehmen.
Am 26. April 2024 verhängte die DB InfraGO eine sofortige Nutzungsuntersagung für alle Gebäude – wegen maroder Elektrik. Der Mietvertrag des Trägervereins Lockkunst e.V., der das Gelände seit 20 Jahren bespielt, lief wenige Wochen später am 31. Juli 2024 aus. Peter Tietz von Lockkunst sagte der taz: „Wir sind jetzt de facto obdachlos und wissen nicht, wohin.” Die Bahn erklärte gleichzeitig, die Nutzung sei „von Anbeginn als Interimslösung gedacht” gewesen.
Dem widersprach eine Aussage, die Tietz ebenfalls gegenüber der taz wiedergab: DB-Cargo-Vorstandsvorsitzende Sigrid Nikutta habe bei einem Besuch 2022 erklärt, es gebe keinen Grund zur Sorge – „Die DB hat keine Pläne für das Gelände.” Was die Bahn jetzt plötzlich mit der Fläche anfangen wolle, sei unklar. Offiziell hieß es von der Bahn: „Mittelfristig könnte das Gelände wieder für den Eisenbahnbetrieb genutzt werden.” Christian Goiny (CDU), Sprecher für Clubkultur und Haushalt im Berliner Abgeordnetenhaus, kommentierte trocken: „Hier passiert die nächsten 20 Jahre gar nichts, wenn die Ateliers verschwunden sind.”
Im Gespräch mit nd-aktuell (Mai 2024) machten Vertreter der B.L.O. Ateliers klar, dass sie das Gutachten der Bahn zur Elektroprüfung akzeptieren. Der Punkt ist ein anderer: Dass die Mängel über 20 Jahre auf Seiten der Eigentümerin nicht behoben wurden – und dass die Nutzungsuntersagung dann zeitgleich mit dem Auslaufen des Mietvertrags fiel.
Nach massivem politischen Druck – Bezirksbürgermeister Martin Schaefer (CDU), Gesine Lötzsch (Linke), Christian Goiny (CDU), ein Appell aus dem Abgeordnetenhaus mit Unterschriften von Bundestags- und Landespolitiker:innen, eine Petition des bbk berlin und eine Intervention des damaligen Kultursenators Joe Chialo (CDU) – kam im Dezember 2024 ein Kompromiss zustande: ein Anschluss-Mietvertrag für 2,5 Jahre, bis Mai 2027. Die Bedingung: Der Verein Lockkunst müsse die Sanierungsmaßnahmen selbst finanzieren und durchführen.
Was folgte, dokumentiert die Presseerklärung von Lockkunst e.V. (6. Februar 2025): Die Lotto-Stiftung des Landes Berlin stellte 100.000 Euro zur Verfügung, der Verein investierte knapp 80.000 Euro Eigenmittel, dazu kamen zahllose Stunden ehrenamtlicher Arbeit. Der wesentliche Teil der Sanierung wurde bis Sommer 2025 abgeschlossen. Der aktuelle Stand, laut der offiziellen Website der B.L.O. Ateliers (Stand April 2026): „Für alle anderen Gebäude liegt die Freigabe durch die Baubehörde bereits vor. Der letzte Schritt – die Rücknahme der Nutzungsuntersagung durch die DB – ist aufgrund zusätzlicher geforderter Gutachten durch die Vermieterin derzeit noch in Arbeit.”
Hier zeigt sich aus meiner Perspektive ein sturkturelles Muster: Eine Eigentümerin, die jahrelang Mängel akkumuliert, nutzt den resultierenden Zustand als Hebel (ob bewusst oder nicht steht hier nicht zur Debatte). Und die Kulturnutzer:innen tragen die Konsequenzen: finanziell, zeitlich, existenziell.
Wenn der Staat selbst verdrängt
Verdrängung kommt nicht immer von privaten Investoren. Manchmal räumt die öffentliche Hand selbst die Räume, die sie geschaffen hat.
Das Atelierhaus im ehemaligen Gesundheitsamt Wilmersdorf – 26 Künstler:innen, 19 Jahre in den Räumen – musste im Juni 2025 dem Ordnungsamt weichen, weil das Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf Geld sparen wollte und sein Rathaus aufgegeben hatte. In Kreuzberg steht die Adalbertstraße 9 am Kottbusser Tor, das letzte große Ateliergebäude des Bezirks, trotz Appellen von Bezirksbürgermeisterin Clara Herrmann vor einer Entscheidung ohne öffentliche Perspektive. Der Kulturetat kürzt die Räume, die Verwaltung braucht sie für andere Zwecke – und im System scheint es keinen Mechanismus zu geben, der kulturelle Nutzung gegenüber Verwaltungsbedarf schützt.
Dazu kommt der 17. Bauabschnitt der Bundesautobahn A100 – ein Infrastrukturprojekt, das bei planmäßiger Realisierung eine Schneise durch das Clubviertel Friedrichshain ziehen würde. Auf der Liste der bedrohten Kulturorte: das ://about blank, die Neue Zukunft, das Oxi, das Void, die Villa Kuriosum, der Club Ost und die Else. Im September 2024 demonstrierten mehrere tausend Menschen unter dem Motto „A100 wegbassen” gegen den Weiterbau.
Die Finanzierungs-Auszehrung: Was der Berliner Senat kürzt
Am 2. Mai 2025 trat Berlins Kultursenator Joe Chialo (CDU) zurück – mit der Begründung, die finanziellen Einsparungen in der Berliner Kultur nicht mehr mittragen zu wollen. Sein Rücktritt war die sichtbarste Konsequenz eines Prozesses, der seit 2024 die Berliner Kulturlandschaft destabilisiert.
Die Zahlen: Der Kulturetat des Landes Berlin betrug 2024 rund 1,026 Milliarden Euro. Für 2025 beschloss der schwarz-rote Senat unter dem Regierenden Bürgermeister Kai Wegner (CDU) Einsparungen von 131 Millionen Euro. Im Februar 2025 wurde laut nachtkritik.de eine Sparsumme von 142 Millionen Euro für 2026 und 160 Millionen für 2027 genannt. Die Summen wurden Chialo als „nicht verhandelbar” dargestellt, es laufe „top down”.
Chialos Nachfolgerin Sarah Wedl-Wilson, seit dem 22. Mai 2025 im Amt – parteilos, zuvor Kulturstaatssekretärin, vorher Rektorin der Hochschule für Musik Hanns Eisler – erreichte nach Protesten der Szene eine Abmilderung. Der im Dezember 2025 beschlossene Doppelhaushalt 2026/2027 sieht laut Senatspressemitteilung einen Kulturetat von 957 Millionen Euro für 2026 und 975 Millionen Euro für 2027 vor – eine Kürzung von jeweils rund 110 Millionen Euro gegenüber dem Vorjahresetat. Weniger als befürchtet. Mehr als verkraftbar.
Besonders hart: das Arbeitsraumprogramm, das in seiner Form weltweit einzigartig ist. Unter Chialo sollte die Zahl der geförderten Ateliers bis Ende des Jahrzehnts verdoppelt werden. In der Realität sanken die Mittel für den Ausbau neuer Arbeitsräume zeitweilig um 85 Prozent – von 21,35 Millionen auf 3,225 Millionen Euro. Für die Bestandssicherung wurden zusätzlich 5,4 Millionen gestrichen. Die Kulturraum Berlin gGmbH, 2020 unter Kultursenator Klaus Lederer (Linke) gegründet, stand zeitweise selbst vor der Abwicklung und veröffentlichte dazu einen Appell. Im Doppelhaushalt 2026/2027 werden die Arbeitsräume nun mit 21 Millionen (2026) bzw. 19,7 Millionen Euro (2027) für die Bestandssicherung fortgeführt.
Die CDU-Bundestagsabgeordnete Monika Grütters, ehemalige Staatsministerin für Kultur und Medien, sagte bei einer Podiumsdiskussion im Deutschen Theater laut taz: „Im Kulturbereich wurde der Rotstift überproportional angesetzt. Das ist eine politische Setzung.” Der relativ kleine Kulturetat sei nach dem Verkehrsbereich am stärksten von den Kürzungen betroffen.
Die versprochene Reform, die niemand verabschiedet
Die Geschichte dieser Nicht-Reform wäre komisch, wenn sie nicht so zerstörerisch wäre.
Am 7. Mai 2021 beschloss der Deutsche Bundestag fraktionsübergreifend – mit den Stimmen von CDU/CSU, SPD, Grünen, FDP und Linken –, die Bundesregierung aufzufordern, die Baunutzungsverordnung (BauNVO) so anzupassen, dass Musikclubs mit kulturellem Bezug als Anlagen kultureller Zwecke eingestuft werden. Bis dahin – und bis heute – fallen Clubs in dieselbe baurechtliche Kategorie wie Spielhallen, Wettbüros und Sex-Kinos: Vergnügungsstätten.
Die Ampel-Regierung legte im September 2024, dreieinhalb Jahre nach dem Beschluss, einen Kabinettsentwurf vor: eine neue Nutzungskategorie „Musikclubs” in der BauNVO. Der Entwurf kam zur ersten Lesung in den Bundestag. Im November 2024 folgte eine öffentliche Anhörung im Bauausschuss. Dann brach die Ampelkoalition auseinander. Die Novelle fiel der parlamentarischen Diskontinuität zum Opfer.
Unter der neuen CDU-SPD-Bundesregierung seit 2025 wurde zunächst der sogenannte „BauTurbo” verabschiedet – ein Gesetz zur Beschleunigung des Wohnungsbaus, in Kraft seit Oktober 2025. Die Musikclub-Kategorie war darin nicht enthalten. Für Frühjahr 2026 ist eine zweite Novelle angekündigt, das „Gesetz zur Modernisierung des Städtebau- und Raumordnungsrechts”, in dem die Club-Kategorie wieder vorgesehen sein soll. Der Kabinettsbeschluss wird für Ende Mai 2026 erwartet. Danach müsste der Bundestag zustimmen. Wann – wenn überhaupt – Clubs rechtlich als Kulturstätten gelten werden, bleibt offen.
Iris Hinze, Sprecherin der AG Kulturraumschutz der LiveMusikKommission (LiveKomm), formulierte zum vierten Jahrestag des Bundestagsbeschlusses am 7. Mai 2025:
„Wir fordern von der neuen Koalition, auf Beschlüsse auch zügig Taten folgen zu lassen: BauNVO und TA Lärm müssen vorrangig und separat, notfalls außerhalb gebündelter Gesetzespakete, angepackt werden. Reformen sind schon länger als vier Jahre überfällig – die Schallschutz-Bestimmungen z.B. wurden für den clubrelevanten Bereich seit 1968 nicht angepasst.”
Seit 1968. In der Zwischenzeit wurde die Berliner Technokultur 2024 in die UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Jessica Schmidt, Pressesprecherin der Wilden Renate, brachte es im Dezember 2024 auf den Punkt: Clubs als Kulturorte anerkennen sei nichts wert, solange es eine Definition auf dem Papier bleibe.
Bodengold: Die Ökonomie hinter dem Prozess
Hinter den einzelnen Konflikten – RAW, BLO, Watergate, Renate, Adalbertstraße – steht ein gemeinsamer Treiber: der Boden, auf dem Berlin gebaut ist, wird zunehmend als Finanzanlage behandelt.
Die Gewerbemieten in der Hauptstadt liegen laut IVD Berlin-Brandenburg (Gewerbemietenpreisservice 2025/2026) im Bürosegment bei Spitzenmieten von 46 Euro pro Quadratmeter und Durchschnittsmieten von 28 Euro. Kulturprojekte, die Mikromieten zahlen – das Groove-Magazin berichtet von extrem niedrigen Sätzen auf dem RAW – stehen in dieser Verwertungslogik an letzter Stelle.
Die Deutsche Bahn, Eigentümerin der B.L.O.-Fläche und ehemalige Eigentümerin des RAW-Geländes, hat seit 2020 mehr als 1.500 Grundstücke verkauft und dabei 364 Millionen Euro eingenommen. Insgesamt wurden seit der Bahnreform 1994 94,3 Prozent der DB-Wohnungen und 99,3 Prozent der entbehrlichen Flächen privatisiert, allein in Berlin rund 308 Hektar. Das Bundeseisenbahnvermögen verwaltete bei der Bahnreform ein Immobilienpaket im Wert von 6,7 Milliarden Euro – und hat den größten Teil abgebaut.
Gleichzeitig verkompliziert ein juristischer Mechanismus die Lage: § 23 des Allgemeinen Eisenbahngesetzes (AEG) regelt die Freistellung von Grundstücken vom Bahnbetriebszweck. Ende 2023 wurde diese Regelung verschärft – seitdem liegt der Bahnbetriebszweck im „überragenden öffentlichen Interesse”, was zur Folge hatte, dass das Eisenbahn-Bundesamt über 150 Freistellungsanträge zurückwies. Am 26. Juni 2025 beschloss der Bundestag eine erneute Lockerung: Der Bahnbetriebszweck soll dann nicht mehr im überragenden öffentlichen Interesse liegen, wenn hinsichtlich eines Grundstücks kein Verkehrsbedürfnis besteht und ein langfristiger Nutzungsbedarf für den Bahnbetrieb nicht prognostizierbar ist.
Für die B.L.O. Ateliers bedeutet das: Die Rechtsgrundlage für eine mögliche Übertragung an den Bezirk oder das Land Berlin existiert im Prinzip. Die Frage ist, ob der politische Wille folgt.
Einen Blick über die Warschauer Brücke in Friedrichshain genügt, um den Verwertungsdruck physisch zu sehen: Dort steht der 140 Meter hohe Edge Amazon Tower, einer der größten Bürobauten der Stadt. Das RAW-Gelände – auf der anderen Seite der Brücke – ist die letzte nicht-korporatisierte Fläche in einer Zone maximaler Kapitalisierung. Der Renditedruck wächst dort automatisch, unabhängig von den Einzelentscheidungen irgendeines Eigentümers.
Was es gibt: Genossenschaften, Generalmieter, Kampagnen
Wer nur die Verluste zählt, übersieht, dass es funktionierende Modelle gibt – und dass um sie gekämpft wird.
Das Bündnis Kultur Räume Berlin, gegründet 2020/2021, vereint die Senatsverwaltung für Kultur, die Kulturraum Berlin gGmbH, die BIM, die GSE, das Atelierbüro im Kulturwerk des bbk berlin und das Bündnis Freie Szene e.V. Das Ziel: spartenübergreifend bezahlbare Arbeitsräume sichern und schaffen. Das Arbeitsraumprogramm, seit 1993 aktiv und internationales Vorbild, verwaltet rund 1.054 geförderte Ateliers in etwa 60 Atelierhäusern. Modellprojekte wie das Haus der Statistik in Mitte und die Uferhallen im Wedding zeigen, dass langfristige Sicherung funktionieren kann – wenn Fördermittel und politischer Wille zusammen wirken.
Auf dem RAW-Gelände bildet die RAW Kultur L e.G. seit 2018 die genossenschaftliche Vertretung der soziokulturellen Mieter:innen. Florian Falkenhagen formuliert in der Berliner Zeitung eine politische Ambition: Das RAW-Gelände könne als Blaupause dienen, wie europäische Metropolen den Umgang mit Renditedruck und Subkultur vereinen. Die Genossenschaft verhandelt über ein Generalmietermodell, bei dem eine Institution – Kulturraum Berlin GmbH, BIM oder die Genossenschaft vom Haus der Statistik – die Gebäude des Soziokulturellen L vom Eigentümer anmietet und rechtssicher an die Clubs weitervermietet. 30 Jahre Mietrecht. Das ist im Gewerberecht das Maximum.
Maik Jech vom Weißen Hasen im FAZEmag:
„Gerade entscheidet sich, ob dieser Ort eine Zukunft hat. Wenn jetzt die richtigen planungsrechtlichen Grundlagen geschaffen werden, kann hier etwas entstehen, das stärker ist als bisher. […] Die Szene steht bereit. Jetzt müssen Politik und Eigentümer liefern.”
Die Mechanismen und die politische Entscheidung
Mehrere Mechanismen wirken gleichzeitig auf Berlins Kulturräume ein: Private Renditeinvestoren verdoppeln Mieten und verweigern Verträge. Ein bundeseigener Konzern verhängt Nutzungsuntersagungen auf eigenen, jahrelang vernachlässigten Flächen. Die öffentliche Hand selbst verdrängt Kunst zugunsten von Verwaltungsbedarf. Infrastrukturprojekte rollen über Clubviertel hinweg. Der Kulturetat wird überproportional gekürzt. Die seit fünf Jahren politisch zugesagte baurechtliche Anerkennung der Clubs als Kulturstätten existiert bis heute nicht im geltenden Recht.
Kein einzelner Akteur trägt die alleinige Verantwortung. Kurth argumentiert wirtschaftlich. Padovicz handelt legal. Die Bahn verwaltet ihr Eigentum. Das Bezirksamt Wilmersdorf braucht Büroflächen. Der Senat muss sparen. Der Bundestag kann nicht beschließen, was die Koalition nicht einbringt. Jede dieser Handlungen ist für sich genommen nachvollziehbar. Zusammen erzeugen sie eine Flurbereinigung, die Berlin das Fundament abträgt, auf dem seine internationale kulturelle Anziehungskraft beruht.
Berlin verkauft sich weltweit als Kulturmetropole. Es bewirbt die UNESCO-Anerkennung seiner Technokultur. Es misst seinen Tourismus in Milliarden. Gleichzeitig lässt es zu, dass die Räume, in denen diese Kultur produziert wird, aus der Stadt verschwinden – nicht durch ein einzelnes politisches Ereignis, sondern durch die stille Summe unterlassener Schutzmaßnahmen.
Am RAW-Gelände wird sich in den kommenden Wochen zeigen, ob die Einigung über einen Generalmieter gelingt. Am B.L.O., ob die Rücknahme der Nutzungsuntersagung durch die Bahn erfolgt. Im Bundestag, ob die Musikclub-Kategorie in die BauNVO aufgenommen wird. Im Berliner Senat, ob der abgemilderte Kulturetat ausreicht, um die Infrastruktur der freien Szene zu halten – oder ob Berlin das letzte Kapitel einer Geschichte schreibt, die mit offenen Türen begann und mit verschlossenen endet.
Und nun? Was tun?
Besuche die Kampagnen-Seite RAW-Kultur L und die Veranstaltungsorte im RAW. Dort kannst Du vor Ort Deine Unterstützer:innen-Unterschrift abgeben.
Quellen
RAW-Gelände
- Tagesspiegel, 25.02.2026: „Vier Clubs in Berlin-Friedrichshain droht das Aus”
- taz, März 2026: „Investor kündigt Mietverträge von Clubs: Überlebenskampf auf dem RAW-Gelände”
- Berliner Zeitung, 14.04.2026: „Zukunft ungewiss: Steht das RAW-Gelände in Berlin-Friedrichshain vor dem Aus?”
- FAZEmag 170/04.2026: Interview Maik Jech (Weißer Hase)
- 106.8 pure fm, 14.04.2026: „RAW-Gelände startet Kampagne für Erhalt und Sichtbarkeit”
- Groove.de, 26.02.2026: „Berlin: Clubs kämpfen um Fortbestehen auf RAW-Gelände”
- Entwicklungsstadt.de, Oktober 2025: Interview Lauritz Kurth
- Wikipedia: RAW-Friedrichshain
B.L.O.-Ateliers
- taz, 03.05.2024: „Bahn macht Kulturstandort platt”
- taz, 06.05.2024: „Kreative auf dem Abstellgleis”
- taz, August 2025: „Als würde die Arbeit gleich weitergehen”
- nd-aktuell, 28.05.2024: „Kultur vor dem Aus”
- Berlin.de Bezirksamt Lichtenberg, 02.05.2024: Pressemitteilung
- bbk berlin, 06.05.2024: Petition
- Lockkunst e.V., 06.02.2025: Presseerklärung
- BLO-Ateliers Website: blo-ateliers.de
Clubsterben und Padovicz-Gruppe
- taz, August 2024: „Clubsterben in Berlin: Eine Schneise der Verwüstung”
- taz, September 2024: „Ende des Clubs Watergate: An Silvester ist Schluss”
- nd-aktuell, 08.11.2024: „Clubverdrängung in Berlin: Die Lichter gehen langsam aus”
- FAZEmag, 14.08.2024: „Mietvertrag nicht verlängert: Berliner Renate muss schließen”
- The Berliner, Dezember 2024: „Murder of the dancefloor: Can Berlin’s club scene ever recover?”
Clubcommission und Umfragen
- Clubcommission Berlin, 28.08.2024: Pressemitteilung „Clubsterben ist wieder an der Tagesordnung”
- Tagesspiegel, 12.11.2024: „Hälfte der Berliner Clubs überlegt, den Betrieb einzustellen”
Berliner Kulturetat
- nachtkritik.de, 20.02.2025: „Berlin: Kulturkürzungen 2026/27 angekündigt”
- taz, Januar 2025: „Kampf um Berlins Kultur”
- Kunstforum, Juli 2025: „Kürzungspläne vorerst abgemildert”
- Berlin.de Senat für Kultur, 19.12.2025: PM Doppelhaushalt
- Kulturraum Berlin gGmbH: „Wir werden abgeschafft”
Baurechtsreform
- LiveMusikKommission, 07.05.2025: „Clubs als Kulturorte: Vier Jahre nach der Weichenstellung”
- LiveKulturWissen, Juni 2025: „Neueinordnung und Schutz von Musikclubs vertagt”
- Musikexpress, 11.05.2021: „Clubs sind Kultur”
- Haufe, 2026: „BauGB-Novelle: Die Pläne der Bundesregierung”
Deutsche Bahn und Bodenpolitik
- Handelsblatt, 13.11.2024: „Bahn verkauft Hunderte Grundstücke”
- Stuttgarter Nachrichten, 2018: „Kritik an Ausverkauf der Bahn-Immobilien”
- Bundestag, 26.06.2025: Abstimmung § 23 AEG
Gewerbemieten
- IVD Berlin-Brandenburg, 2025: Gewerbemietenpreisservice 2025/2026
Cornelia Es Said is a Berlin-based figurative painter and essayist. Her oil paintings and her writing map power structures, digital infrastructures, and democratic erosion. More on the paintings: corneliaessaid.de.
This article was researched and written with the assistance of AI.

