In einer Kunstlandschaft, die lange Zeit vom Gestus der Abstraktion geprägt schien, vollzieht sich eine ebenso tiefgreifende wie unübersehbare Neuausrichtung. Ein Beben geht durch die Ateliers, Museen und Galerien unserer Zeit, und in seinem Epizentrum steht die menschliche Figur. Wir werden Zeug:innen, wie die zeitgenössische figurative Malerei nicht nur zurückkehrt, sondern eine Renaissance erfährt, die im Jahr 2025 einen vorläufigen Höhepunkt findet. Dies ist keine bloße Pendelbewegung des Stils, sondern der Resonanzraum für die soziokulturellen und politischen Erschütterungen unserer Epoche.

Podcast: Renaissance der figurativen Malerei?

by cornelia es said & Notebook LM | Podcasts

Der Ruf nach dem Menschlichen: Warum die Figur in der Gegenwartskunst so relevant ist

Die gegenwärtige Blüte der figurativen Malerei ist kein Zufall. Sie ist die direkte Antwort auf die globalen Verwerfungen und das kulturelle Klima des frühen 21. Jahrhunderts. In einer von digitaler Sättigung, KI-generierten Bildern und Videos, politischer Instabilität und sozialer Polarisierung gezeichneten Zeit erwächst ein fruchtbarer Boden für eine Kunst, die erzählerisch, empathisch und zutiefst auf die menschliche Erfahrung zentriert ist.

Die Hinwendung zur Figur ist ein Akt des ideologischen Widerstands. Sie stellt sich der Entpersönlichung durch digitale Kommunikation und der unfassbaren Abstraktion globaler Krisen entgegen. Die langsame, materielle und taktile Natur der zeitgenössischen figurativen Malerei bildet dabei ein starkes Gegengewicht zur flüchtigen Bilderflut des Digitalen. Die bewusste Entscheidung für die Darstellung einer Person wird so zu einem Akt der Verankerung, der die individuelle, verkörperte Erfahrung gegen die entfremdenden Kräfte der Gegenwart behauptet.

Ölgemälde 'The Listener' von Cornelia Es Said als Beispiel für introspektive zeitgenössische figurative Malerei

„Diese Suche nach einer stillen, menschlichen Resonanz in einer lauten Welt ist ein zentraler Aspekt meiner eigenen künstlerischen Praxis. Mein Ölgemälde ‚The Listener‘ (2025, Öl auf Leinen, 60 x 60 cm) ist eine Auseinandersetzung mit dem Akt des konzentrierten Lauschens – eine Geste der Introspektion, die in unserer von ständiger Zerstreuung geprägten Zeit selbst zu einem Akt des Widerstands wird:” – cornelia es said

Die Leinwand als Arena: Identität und Ermächtigung in der zeitgenössischen figurativen Malerei

Die zeitgenössische figurative Kunst ist zur primären Arena für die Auseinandersetzung mit Identitätspolitik geworden. Insbesondere für Künstler:innen und queere Kunstschaffende aus historisch marginalisierten Gemeinschaften wird die Darstellung der Figur zu einem Akt der Ermächtigung. Sie ist ein wirkmächtiges Mittel, um Stereotypen zu dekonstruieren, Narrative zurückzuerobern und eine Präsenz in einem Kanon zu behaupten, aus dem sie lange ausgeschlossen waren.

So verfolgt die britische Künstlerin Lynette Yiadom-Boakye den subversiven Ansatz, fiktive Schwarze Figuren zu malen, die von der Last der Repräsentation befreit sind. Ihre Arbeit behauptet das radikale Recht auf eine Existenz jenseits politischer Instrumentalisierung.

Gleichzeitig bieten die Gemälde des pakistanisch-amerikanischen Künstlers Salman Toor intime Einblicke in das Leben junger, queerer, brauner Männer. Er fängt die Zwischentöne von Begehren, Einsamkeit und Zugehörigkeit ein und verleiht oft übersehenen Erfahrungen eine poetische, malerische Würde.

Ausdrucksstarkes Porträt 'Unblinking' - zeitgenössische figurative Malerei von Cornelia Es Said

„Die Figur als Ort der Selbstbehauptung ist auch das Herzstück meines Werkes ‚Unblinking‘ (2025, Öl auf Leinwand, 100 x 60 cm). Der unverwandte Blick, die rahmenden Hände – sie sind Ausdruck einer unerschütterlichen Präsenz. Es ist der Versuch, die Stärke und Verletzlichkeit des Individuums im Angesicht gesellschaftlicher Erwartungen und Zuschreibungen festzuhalten.” – cornelia es said

Ein Paradigmenwechsel: Institutionen und Markt bestätigen die figurative Wende

Diese Neuzentrierung auf figurative Malerei ist längst im Herzen des Kunstbetriebs angekommen. Die Biennale von Venedig 2024 fungierte als Meilenstein, der die Figuration, insbesondere von queeren und diasporischen Künstler:innen, ins Zentrum des globalen Auseinandersetzung rückte. Führende Museen wie die Tate und das MoMA bestätigen diesen Trend mit ihren Programmen für 2025, die einen klaren Fokus auf die Figur im Kontext postkolonialer und kanonischer Kunstgeschichte legen.

Selbst der Kunstmarkt, der sonst so unberechenbar scheint, sendet ein klares Signal. In einer Zeit der Korrektur suchen Sammler:innen nach Werken mit kultureller Dringlichkeit und langfristigem Wert. Die zeitgenössische figurative Malerei bietet genau diese Synthese und hat sich auch kommerziell als bemerkenswert stark erwiesen.

Die Zukunft der Kunst ist figurativ

Die Rückkehr der Figur ist kein kurzlebiges Phänomen, sondern ein fundamentaler Wandel, wie die Kunst des 21. Jahrhunderts die menschliche Erfahrung reflektiert. Die Leinwand ist wieder zu dem Ort geworden, an dem die dringendsten Fragen unserer Zeit verhandelt werden: Wer sind wir? Wer darf erzählen? Und wie finden wir im Angesicht der Komplexität unsere gemeinsame Menschlichkeit wieder? Die Antworten, die die zeitgenössische figurative Malerei darauf gibt, sind so vielfältig, tiefgründig und faszinierend wie die Menschen, die sie darstellt.