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Das Performance Hotel des koreanischen Künstlers Byung Chul Kim bewegt sich an der Grenze zwischen Performance und Konzeptkunst.

Das Hotel atmet Kunst an jeder Ecke – egal ob es sich um den Sitzplatz für Reisende vor dem Haus, den Dollarbaum an der Rezeption, die Schutzhauben-Aktion auf den Strassen Stuttgarts oder liebevoll konglomerierte Einrichtungsgegenstände aus Recycling Materialien handelt. Byung Chul Kim öffnete sein Performance Hotel für internationale KünstlerInnen und bot einen kreativen Freiraum für die verschiedensten Arten von künstlerischem Ausdruck und Performance.

Genau genommen nahm Byung Chul Kim schon 2009 das Thema der documenta13 vorweg und dachte die Ideenwelt Beuys’ weiter: alles kann Kunst sein. Byung Chul Kim versteht sich dabei v.a. als Konzeptkünstler, der den Rahmen für kreative Ideen schafft: nach dem Ende des Performance Hotels in Stuttgart startete er das Humor Restaurant in Zürich und den Performance Express zwischen Deutschland, Frankreich und Luxemburg.

Performance Hotel in Stuttgart-Ost

Das Performance-Hotel liegt in Stuttgart-Ost, durch den nur motorisiert durchquerbaren Wagenburgtunnel von der Innenstadt abgetrennt. Stuttgart-Ost ist einer der sozialen Brennpunkte der der ansonsten reichen Landeshauptstadt Schwabens – mit hohem Anteil an Menschen mit geringem (oder keinem) Einkommen oder nichtdeutscher Herkunft. Ein Bezirk für Underdogs.

Auf der Suche nach einem geeigneten Ort für Treffen, Besprechungen und Aktionen der Aktion Stuttgart-Ost entdeckte Byung Chul Kim das seit etwa 10 Jahren leer stehende Haus in der Gablenberger Hauptstrasse. Die Leiterin des Projekts konnte daraufhin von der Stadt Stuttgart die Genehmigung zur Nutzung des Hauses erwirken: kostenfrei, bis auf die – besonders im Winter nicht geringen – Nebenkosten.
Ein halbes Jahr nach der Eröffnung des Performance Hotels erreichte Byung plötzlich ein Brief von der Stadt, dass er ein reguläres Hotel betreibe und damit Einnahmen erziele. Er antwortete, dass es sich um ein reines Kunstprojekt handle und erntete nichts als Schweigen. Also machte er weiter.

Konzeptkunst: Projekt Performance Hotel

Das Performance Hotel ist Konzeptkunst: Byung Chul Kim will damit “zuerst eine kleine Welt schaffen, in der jede/r ein Künstler ist.” Genau das ist auch an jeder Wand, in jedem Winkel des Hauses sichtbar.

https://youtu.be/Jr-M6vGXpIM?t=2m50s
Video-Interview und Führung durch das Performance-Hotel von Nelou

Schon von außen unterscheidet sich das Performance Hotel deutlich von den anderen Häusern in der Gablenberger Hauptstrasse: seine Fassade ist über und über mit Plakaten, Bildern, Texten, Kunstwerken und Farbflächen beklebt.

Vor dem Haus sitzt Do Jong Jun. Er ist Gast des Performances Hotels, seines Zeichens Reisender und er hat ein Kunstwerk geschaffen, das seine Rezeption von “Gastfreundschaft” (falls man das so nennen kann) Reisenden gegenüber widerspiegelt: eine Holzbank mit Lehne, dessen schmale Sitzfläche Nägel von unten durchbohren und damit das Sitzen im Besten Falle für Fakire ermöglichen.

Durch das große Schaufenster auf der anderen Seite des Eingangs ist eine, mit schwarzen Masken bestückte, Wand zu erkennen. Im Innenraum eine weisse Säule, in deren Fächern ordentlich gestapelt weitere solcher Schutzhauben für die Nutzung ausliegen. Ein Schild darüber klärt auf:

100 Schutzhauben. Kostenlose Ausleihe. Bitte eine Schutzhaube entnehmen, überziehen, und diese je nach Bedarf tragen. Nach Gebrauch bitte wieder zurückbringen und mit Einlegekarton an der Wand des Ausstellungsraumes befestigen, persönliche Erfahrungen ins Gästebuch eintragen.
Vielen Dank für Ihre Beteiligung.

Am Eingang erklärt ein handgeschriebenes Pappschild die Modalitäten des Performance-Hotels: Performance im Tausch für eine kostenlose Übernachtung. Genau diese Idee gibt Künstlerinnen und Künstlern nicht nur die Möglichkeit, die kulturell recht engagierte Stadt Stuttgart zu besuchen, sondern im Performance Hotel andere Gleichgesinnte oder Andersdenkende zu treffen, sich mit ihnen auszutauschen und/oder gemeinsam etwas auf die Beine zu stellen. Hier geht es um Aktivität, um Inspiration und vielleicht auch darum – zumindest symbolisch – etwas Gutes zu tun.

Im Treppenhaus begrüßt die Gäste ein Dollarbaum mit Ästen aus Draht, an denen einzelne Dollarscheine stecken. Auf dem großen braunen Pappschild am Stamm steht in Druckbuchstaben geschrieben:

Wenn Du wirklich in Not bist, darfst Du 1 Dollar mitnehmen. Tue dafür etwas Gutes!

Die schmale Treppe hinauf fällt der Blick in die Schlafräume: 2 weiß getünchte Zimmer, in denen Matratzen, Liegen und Iso-Matten mit Schlafsäcken verteilt sind. Die Wände werden von kunstvollen Plakaten und Kunst-Installationen geziert. Wo das Auge auch hin fällt gibt es etwas Inspirierendes zu entdecken. In der Küche an der Wand die Schemazeichnung von Menschen, die – ähnlich wie man das von Rindern kennt – die Fleischteile benennen. Selbst die Ablageflächen bestehen in künstlerisch aneinander gehefteten Eimern.

Byung Chul Kim: Konzeptkünstler

Byung Chul Kim kam 2003 aus Seoul in Südkorea nach Deutschland, um in Stuttgart bei Professor Christian Jankowski zu studieren. Auch wenn es für ihn großen bürokratischen Aufwand erforderte um hier studieren zu können – für Byung existieren keine Grenzen, nur Gedanken.

Performance-Kunst ist für ihn bedeutungsvoll, weil sie den Menschen als Aktivum beschreibt. Ein Aktivum, das in genau diesem Moment etwas tut – nahe an Beuys’ Aussagen “Alles ist Kunst – Jeder ist ein Künstler”. Darunter fallen nicht nur ungewöhnliche Aktivitäten, sondern auch ganz Alltägliches: Byung Chul Kim ist alleine für das Projekt verantwortlich. Er fragt:

Was wäre wenn Putzen Kunst wäre?

Ich vermute, dass die Putzkräfte deutlich besser bezahlt würden und höhere gesellschaftliche Anerkennung genössen. Für Byung Chul Kim bedeutet Putzen

Man macht weg, was man nicht braucht. Damit beginnt die Evolution.

Putzen als Kunst und als Performance:

Live: Performance im Hotel

Als ich von einem Spaziergang durch die Stuttgarter Innenstadt ins Performance Hotel zurückkehre, ist durch das Schaufenster eine Gruppe eifrig diskutierender Leute zu sehen. Der performative Philosoph Andreas Hoppe aus Hamburg liest aus Sigmund Freud: “Das Unbehagen in der Kultur”. Nach jeweils einigen Sätzen hält er inne und geht auf Gesten, Worte oder Gesichtsausdrücke der ZuhörerInnen ein, die er während des Lesens wahrgenommen hat. Auf diese Weise entspinnen sich intensive Diskussionen über die derzeitige Kultur, die Unterschiede zwischen Freud’s Ansichten und der heutigen gesellschaftlichen Realität und über unsere eigenen Erfahrungen. Zum Beispiel, was Byung Chul Kim vor einigen Jahren dazu bewog, sich im Rahmen einer Kunstaktion im Schaufenster von Tierhandlungen zum Verkauf anzubieten.

Früh am nächsten Morgen bereitet Lydia Liebner ihre Willkomensperformance “Purzelbäume in den Tag” für die angekündigte Journalistin Martina Klein vom SWR vor. Lydia hat Papierbahnen im Garten ausgelegt und aus den Lautsprechern dringt die Salsaversion von Tocotronics “Clocks”. Eine/r nach der/dem anderen purzeln die Anwesenden immer wieder den Hang hinunter:

Purzelbaum-Performance:

Performance: temporäre Aktion

Genau wie Performances nur für einen Moment existieren und danach vielleicht nur geistige Spuren in den Gedanken der Anwesenden hinterlassen – genau wie diese Performances ist auch das Performance Hotel temporär. Für genau 1 Jahr – bis zum 25. Juli 2010 – waren die Türen des Perfomance Hotels geöffnet.