Ein Land mit 215 Milliarden Euro Investitionsstau, einer AfD bei 23 Prozent und einem Kulturstaatsminister, der den Verfassungsschutz auf Buchhandlungen ansetzt. Was wie drei verschiedene Geschichten klingt, ist eine einzige.
Elf Monate im Amt, drei Eskalationen, zwei Gerichtsverfahren, ein einstimmiger Beschluss des Deutschen Kulturrats zur Verteidigung der Kunstfreiheit. Wolfram Weimer, seit Mai 2025 Beauftragter der Bundesregierung für Kultur und Medien, hat in kürzester Zeit geschafft, was keiner seiner sechs Vorgänger in 27 Jahren Amtsgeschichte zustande brachte: Er hat die gesamte deutsche Kulturszene gegen sich aufgebracht — vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels bis zur Internationalen Filmakademie, von PEN Berlin bis zu den Überlebendenverbänden von Buchenwald. Die Frage, die sich stellt, geht über Personalpolitik hinaus. Weimers Eingriffe in Jury-Unabhängigkeit, Festivalleitung und Erinnerungskultur sind Symptome einer breiteren Verschiebung, deren Konsequenzen die gesamte demokratische Architektur betreffen. Wer verstehen will, wohin dieses Land steuert, muss auf die Kultur schauen. Der Seismograph schlägt dort zuerst aus.

Porträt eines Kulturkämpfers

Wolfram Weimer, geboren 1964, ist promovierter Historiker, ehemaliger Chefredakteur von Welt, Cicero und Focus, Gründer der Weimer Media Group und Veranstalter des Ludwig-Erhard-Gipfels am Tegernsee — eines Wirtschaftsgipfels, bei dem Sponsoring-Pakete für bis zu 80.000 Euro Zugang zu Regierungsmitgliedern versprachen [1]. In seinem Buch Das konservative Manifest (2018) formulierte er „Zehn Gebote der neuen Bürgerlichkeit” — darunter „Ehre deine Nation”, „Pflege Tradition” und „Respektiere Gott”. Er diagnostizierte die „Multi-Kulti-Lüge” und beklagte Europas „biologische Selbstaufgabe” [2][3].

Seine Ernennung war eine Überraschung. Ursprünglich galt der Berliner Kultursenator Joe Chialo als Favorit. Dass Merz stattdessen seinen Tegernseer Nachbarn und Golfpartner wählte — einen Verleger ohne kulturpolitische oder parlamentarische Erfahrung —, löste sofort Protest aus: Über 70.000 Menschen unterzeichneten eine Petition gegen die Berufung. Das ZDF zog Parallelen zu Kabinettsbesetzungen unter Donald Trump [4]. Der Monopol-Kommentar trug den Titel: „Was ansteht, ist ein Kulturkampf” [5].

Trotz der Proteste ist der Kulturetat unter Weimer auf einen Rekord von 2,57 Milliarden Euro gestiegen — ein Plus von zehn Prozent [6]. Die Filmförderung wurde fast verdoppelt, die Stiftung Preußischer Kulturbesitz erhielt 26 Millionen Euro zusätzlich. Weimer spricht von einem „Bekenntnis zur Kulturnation” und plant eine Digitalabgabe auf Werbeeinnahmen von Tech-Konzernen [7]. Allerdings kollidieren nationale Digitalsteuern mit EU-Richtlinien und OECD-Abkommen; Bundeswirtschaftsministerin Reiche (CDU) hat sich offen dagegen ausgesprochen, ein konkreter Gesetzentwurf liegt bis heute nicht vor. Der Vorstoß hat den Charakter eines performativen Aktes: populär genug für Schlagzeilen, europarechtlich auf Jahre blockierbar. Das Geld fließt also — an der Kulturfront wie an der rhetorischen. Die Frage ist: Unter welchen Bedingungen?

Drei Eskalationen, ein Muster

Die Berlinale-Krise

Im Februar 2026 versuchte Weimer, Berlinale-Intendantin Tricia Tuttle abzusetzen, nachdem ein palästinensischer Regisseur in seiner Dankesrede Deutschland eine Mitverantwortung am „Genozid in Gaza” vorgeworfen hatte. Weimer berief eine Sondersitzung des Aufsichtsrats ein; die Nachricht wurde gezielt über die Bild-Zeitung gestreut. Über 700 internationale Filmschaffende — darunter Wim Wenders, Iris Berben, Margarethe von Trotta, İlker Çatak und Tilda Swinton — unterzeichneten einen offenen Brief gegen „politische Einflussnahme” [8]. Daniel Kehlmann sprach von der „größten Katastrophe der deutschen Kulturpolitik seit der Hausdurchsuchung bei Heinrich Böll 1972″. Tuttle blieb im Amt — aber ein „Verhaltenskodex” wurde eingeführt, den Kritiker als neue Kontrollschicht bewerten.

Ein KI-generiertes Bild, das die Kunstfreiheit unter Druck thematisiert. Eine dunkle, uniformierte Silhouette steht draußen im Regen und drückt ihre Hände gegen das Schaufenster einer gemütlich beleuchteten Buchhandlung bei Nacht. Ein starkes Symbol für Kontrolle und Überwachung.

Der Buchhandlungspreis-Skandal

Im März 2026 schloss Weimer drei von einer unabhängigen Jury nominierte Buchhandlungen — „Zur schwankenden Weltkugel” (Berlin), „The Golden Shop” (Bremen) und „Rote Straße” (Göttingen) — vom Deutschen Buchhandlungspreis aus. Begründung: „verfassungsschutzrelevante Erkenntnisse”, ermittelt über das sogenannte Haber-Verfahren — eine Regelanfrage beim Bundesamt für Verfassungsschutz, die in der Geschichte des Preises ohne Vorbild war. Die konkreten Erkenntnisse wurden weder den Buchhandlungen noch Bundestagsabgeordneten mitgeteilt. Im Kulturausschuss bezeichnete Weimer die Buchhandlungen als „Feinde des Staates”. Die Absagen wurden den Läden als Jury-Entscheidung dargestellt — eine nachweisliche Unwahrheit, da zwei der drei Buchhandlungen von der Jury als „besonders herausragend” eingestuft worden waren [9].

115 der 118 Preisträger solidarisierten sich mit den Ausgeschlossenen. Jo Lendle vom Börsenverein warnte: „Ein Hauch von McCarthy weht durchs Land.” PEN-Berlin-Präsidentin Thea Dorn kommentierte: „Dieses Spiel ‚Ich weiß was, das du nicht weißt, aber ich sag dir nicht, was’ ist eines Kafka-Romans würdig, nicht eines Rechtsstaates” [10][11]. Acht SPD-Kulturminister der Länder forderten in einer gemeinsamen Erklärung die Achtung unabhängiger Jurys [12].

Verfassungsrechtler Nils Weinberg analysierte auf dem Verfassungsblog unter dem Titel „Weimerer Verhältnisse” die Rechtslage und kam zu einem klaren Befund: Die Datenübermittlung des Verfassungsschutzes an das BKM sei rechtswidrig, da es an einer Ermächtigungsgrundlage fehle [13]. Im Kern liegt ein ungelöster Konflikt zwischen Verwaltungsrecht und Geheimschutz: Kulturförderung unterliegt der Bundeshaushaltsordnung (BHO); die Streichung von Preisgeldern ist ein Verwaltungsakt, der gemäß § 39 VwVfG zwingend begründet werden muss. Wenn aber die Begründung auf geheimen Verfassungsschutz-Dossiers beruht, die den Betroffenen nicht offengelegt werden, torpediert das die Rechtsschutzgarantie nach Art. 19 Abs. 4 GG — das Recht auf wirksamen gerichtlichen Schutz gegen staatliche Eingriffe. Der Staat kann sich bei der Streichung von Subventionen nicht auf „geheime Erkenntnisse” berufen, ohne rechtsstaatliche Überprüfbarkeit auszuhebeln. Die drei Buchhandlungen haben Feststellungsklagen eingereicht; die Buchhandlung „Zur schwankenden Weltkugel” beantragte eine einstweilige Verfügung gegen Weimers öffentliche Bezeichnung als „politische Extremisten” [14].

Jurylisten und Hauptstadtkulturfonds

Ende März 2026 berichtete der Spiegel, dass Weimer angeordnet hat, Listen sämtlicher Jurymitglieder im Bereich der Kulturförderung erstellen zu lassen. Eine BKM-Sprecherin erklärte, Weimer wolle sich lediglich einen „Überblick über die vielen jurybasierten Verfahren verschaffen”. Im Umfeld der Behörde besteht die Sorge, dass die Listen auch zur Überprüfung von Jurymitgliedern durch den Verfassungsschutz dienen könnten [15].

Parallel dazu wurde bekannt, dass Vertreter des BKM eine Jury-Entscheidung des Hauptstadtkulturfonds in einem konkreten Fall revidiert hatten — es ging um die Förderung eines Übersetzungsprojekts palästinensischer Autoren. Die Jury des Hauptstadtkulturfonds reagierte mit einem öffentlichen Statement: „Unabhängige Jurys sind in der öffentlichen Kulturförderung kein symbolisches Beiwerk, sondern ein institutioneller Schutz der Kunstfreiheit nach Art. 5 Abs. 3 GG. Wer solche Jurys nachträglich korrigiert, delegitimiert oder politisch übersteuert, greift nicht nur einzelne Entscheidungen an, sondern unterläuft den Schutzraum freier Kunst.” [16][17]. Sven Lehmann (Grüne), Vorsitzender des Kulturausschusses im Bundestag, sagte: „Damit höhlt er den Grundsatz der Staatsferne aus, der für die Kulturförderung in einer Demokratie überlebenswichtig ist.” Die Linke forderte Weimers Rücktritt [18].

Die taz kommentierte: Weimers Vorgehen wirke zwar „stümperhaft”, erziele aber den gewünschten Effekt — Selbstzensur in der Kulturbranche. „Jede neue Weimer-Schlagzeile befördert Selbstzensur. Man nennt das ‚Chilling Effect’. Dafür reicht schon das ständige Androhen von Sanktionen” [19]. Es ist dabei nicht nur der Minister, der diszipliniert. Es sind auch die Intendanten, Museumsdirektoren und städtischen Kulturämter, die aus Angst vor Förderentzug oder öffentlicher Denunziation bereits im Vorfeld unbequeme Projekte streichen — ohne dass das BKM überhaupt eingreifen muss. Diese vorauseilende Anpassung im kulturellen Mittelbau ist der eigentlich gefährliche Mechanismus.

Der Buchenwald-Affront

Im März 2026 forderten zwei Buchenwald-Verbände Weimer auf, auf ein Grußwort bei der Gedenkveranstaltung zum 81. Jahrestag der Befreiung zu verzichten. Grund: Weimers wiederholte Verwendung des Heinrich-Heine-Zitats „Der Taufzettel ist das Entréebillett zur europäischen Kultur” — was für die Nachfahren der Überlebenden bedeute, „dass wir aus Ihrer Sicht nicht zum Bereich der europäischen Kultur gehören” [20][21]. Weimer hielt an seiner Teilnahme fest.

Ein Ölgemälde aus der Serie Generation Courage mit dem Titel "Unblinking". Es zeigt eine zentrale Figur, die ihre Augenlieder mit den Händen offen hält und den Betrachter ununterbrochen fixiert. Ein Symbol für Überwachung, Zeugenschaft und unnachgiebige Kunstfreiheit unter Druck.

Die IHRA-Falle: Wenn Antisemitismus-Bekämpfung zum Schweigeinstrument wird

Weimer erklärte den Kampf gegen Antisemitismus zu seiner ersten Priorität — und führte als eines seiner ersten Amtshandlungen Gespräche mit dem Zentralrat der Juden über eine Antisemitismus-Klausel in der Kulturförderung [22][23]. Die Grundlage: die Antisemitismus-Definition der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA).

Dass Antisemitismus bekämpft werden muss, steht außer Frage. Deutschland hat eine historische moralische Verpflichtung, jede Form von Judenhass zu bekämpfen. Die Frage ist: Wer definiert, was Antisemitismus ist — und wo verläuft die Grenze zwischen dem Schutz jüdischen Lebens und der Immunisierung einer Regierungspolitik gegen Kritik?

Die jüngere Geschichte der deutschen Kulturpolitik illustriert, wie diese Grenze verschoben wird. Auf der Documenta 2022 wurde ein Werk des indonesischen Kollektivs Taring Padi gezeigt, das antisemitische Bildmotive enthielt — darunter eine Figur mit SS-Helm. Diese Motive sind in jedem Kontext problematisch und dürfen nicht unwidersprochen stehen, gerade in Deutschland. Die Reaktion aber — sofortiger Abbau statt kontextualisierter Diskussion — setzte ein fatales Signal: Statt den Vorfall zum Anlass einer Debatte über Antisemitismus, postkoloniale Perspektiven und die Grenzen der Kunstfreiheit zu nehmen, wurde er instrumentalisiert, um die Infrastruktur für weitergehende Zensur aufzubauen. Der Documenta-Skandal lieferte den Vorwand für die IHRA-Klausel — und damit für das, was Weimer heute als „Antisemitismus-Bekämpfung” betreibt.

Bei der Berlinale 2024 und 2026 wird das Problem noch deutlicher sichtbar: Hier geht es nicht um antisemitische Bildmotive, sondern um politische Kritik an der israelischen Regierungspolitik. Weimers Versuch, Intendantin Tricia Tuttle abzusetzen, weil auf ihrem Festival Kritik an der israelischen Kriegsführung in Gaza geäußert wurde, zielte darauf, jede Form von Solidarität mit der palästinensischen Zivilbevölkerung aus dem öffentlich geförderten Kulturraum zu verdrängen. Die Revision der Jury-Entscheidung des Hauptstadtkulturfonds — ein Übersetzungsprojekt palästinensischer Autoren — ist die logische Fortsetzung: Palästinensische Stimmen werden nicht nur an der Berlinale, sondern auch in der Literaturförderung zum Schweigen gebracht. Nicht weil die Inhalte antisemitisch wären, sondern weil ihre Existenz die Staatsräson irritiert.

Die IHRA-Definition stuft bestimmte Formen der Kritik an der israelischen Regierungspolitik als antisemitisch ein. Amnesty International warnte bereits im Oktober 2024, die geplante Bundestags-Resolution gefährde Grundrechte: Die Definition eigne sich „ob ihrer Unbestimmtheit und der Gefahr der Einordnung von Kritik an israelischer Regierungspolitik als antisemitisch gerade nicht als trennscharfe Definition” [24]. Der Verfassungsblog veröffentlichte eine juristische Analyse, die festhielt: Die IHRA-Definition sei „nie als Regulierungsinstrument gedacht” und „viel zu unpräzise, um Rechtssicherheit zu erzeugen”. Die Implementierung würde „teilweise weitreichende verfassungsrechtliche Verwerfungen erzeugen” — insbesondere für die Kunstfreiheit, „wo sich fragt, ab wann die Kunst nicht mehr ‚frei’ ist, weil eine zu extensive Nutzung der IHRA-Arbeitsdefinition auch dort eingreift, wo es die Bekämpfung von Antisemitismus nicht mehr erfordert” [25]. Hunderte Kulturschaffende protestierten in einem offenen Brief, der auf die Jerusalemer Erklärung zum Antisemitismus als Alternative verwies — eine von über 200 internationalen Wissenschaftlern (darunter viele jüdische und israelische) erarbeitete Definition, die „explizit in der Absicht verfasst wurde, einer missbräuchlichen politischen Instrumentalisierung von Antisemitismus-Zuschreibungen entgegenzutreten” [26]. Der Berliner Kultursenator Chialo hatte bereits 2023 eine vergleichbare Klausel eingeführt und nach juristischen Bedenken und über 4.000 Protest-Unterschriften wieder zurückgezogen [27].

Was die Klausel in der Praxis bewirkt, hat der Verfassungsblog in einer weiteren Analyse offengelegt: Sie ermächtige den Staat, „über eine Frage zu entscheiden, die in jüdischen Kreisen selbst heiß diskutiert wird” — und könne instrumentalisiert werden, „um selbst jüdische Israelis zu delegitimieren, die die staatliche Politik kritisieren, während palästinensische Perspektiven völlig unsichtbar gemacht werden” [28]. Die Kulturförderklausel wirkt damit als Disziplinierungsinstrument, das den Diskursraum verengt, statt ihn zu schützen.

Diese Verengung kollidiert mit der völkerrechtlichen Realität. Am 19. Juli 2024 stellte der Internationale Gerichtshof (IGH) in einem Gutachten fest, dass die gesamte israelische Besatzung der palästinensischen Gebiete — einschließlich Gazas — völkerrechtswidrig ist. Die Richter entschieden mit 11 zu 4 Stimmen, Israel müsse die Besatzung „so schnell wie möglich beenden”, sofort alle Siedlungsaktivitäten einstellen und alle Siedler aus den besetzten Gebieten evakuieren. Der Göttinger Völkerrechtler Kai Ambos klassifizierte das Gutachten als „komplette völkerrechtliche Niederlage für Israel” [29][30]. Im Oktober 2025 stellte der IGH zusätzlich fest, Israel dürfe „das Aushungern der Zivilbevölkerung nicht als Kriegsmethode nutzen” und sei als Besatzungsmacht verpflichtet, die Grundbedürfnisse der Bevölkerung sicherzustellen [31]. Amnesty International ordnete das Geschehen als „alarmierendes Anzeichen für einen Genozid” ein [32]. Auf dem Verfassungsblog analysierte Kai Ambos im Juni 2025 die strafrechtliche Dimension: In objektiver Hinsicht erfülle die israelische Kriegsführung den Tatbestand des Genozids — wenngleich der subjektive Nachweis der Zerstörungsabsicht rechtlich noch offen sei [33]. In der Westbank beschlagnahmte Israel im März 2024 allein 800 Hektar Land für den Siedlungsbau — die größte Landnahme seit den Osloer Abkommen. Faktisch gelten dort zwei Rechtssysteme: israelisches Zivilrecht für Siedler, Militärrecht für Palästinenser.

Die UN-Generalversammlung nahm im September 2024 mit 124 zu 14 Stimmen eine Resolution zur Durchsetzung des IGH-Gutachtens an, die Israel zum Rückzug binnen eines Jahres aufforderte. Deutschland enthielt sich [34].

Diese Enthaltung markiert die Bruchstelle der deutschen Staatsräson. Die historische Verantwortung Deutschlands für die Shoah begründet eine Verpflichtung, jüdisches Leben zu schützen und Antisemitismus zu bekämpfen. Sie begründet keinen Freibrief für Völkerrechtsbrüche einer ausländischen Regierung. Wer die Erinnerung an den Holocaust instrumentalisiert, um dokumentiertes gegenwärtiges Leid unsichtbar zu machen, verrät genau jene Menschlichkeit, die er zu verteidigen vorgibt. Die Gleichsetzung von Kritik an der israelischen Regierungspolitik mit Judenhass schadet der Antisemitismus-Bekämpfung selbst, weil sie den Begriff entwertet und die Solidarität untergräbt, die der Schutz jüdischen Lebens braucht. Dass jüdische Wissenschaftler, israelische Menschenrechtsorganisationen wie B’Tselem und international renommierte Völkerrechtler diese Kritik teilen, sollte zu denken geben.

In der Kulturpolitik funktioniert die IHRA-Klausel als Disziplinierungsinstrument: Wer gefördert werden will, schweigt zu Völkerrechtsbrüchen. Die Kulturszene teilt sich in jene, die die Klausel unterschreiben und sich selbst zensieren, und jene, die widersprechen und ihre Förderung riskieren. In beiden Fällen schrumpft der Raum, in dem eine offene, differenzierte Debatte über Menschenrechte, Antisemitismus und Völkerrecht stattfinden könnte — also genau jener Raum, den eine lebendige Demokratie am dringendsten braucht.

Die systemische Kulisse: Söder bremst, Weimer diszipliniert, die AfD wächst

Weimers Kulturkampf existiert in keinem Vakuum. Er ist eingebettet in eine politische Konstellation, deren Elemente einander verstärken.

Markus Söder blockiert seit Monaten zentrale Reformvorhaben der schwarz-roten Koalition — Steuerreform, Rentenreform, Gesundheitsreform. Bei einem Haushaltsloch von 130 Milliarden Euro bis 2029 sagte Söder im Stern-Interview „47 Mal Nein” zu Reformvorschlägen des Vizekanzlers Klingbeil. Söder bremst, weil die CSU als rein bayerische Partei ihre Existenzberechtigung aus der permanenten Differenz zur CDU zieht und die AfD-Flanke bei 19 Prozent in Bayern schließen muss. Strukturell allerdings liegt das Problem tiefer als in einer Einzelperson: Der kommunale Investitionsstau von 215 Milliarden Euro ist auch eine direkte Folge der verfassungsrechtlich verankerten Schuldenbremse (Art. 109 Abs. 3 GG), die den finanziellen Spielraum von Bund, Ländern und Kommunen seit über einem Jahrzehnt verengt. Solange die schwarz-rote Koalition die Schuldenbremse nicht reformiert — wofür eine Zweidrittelmehrheit nötig wäre —, bleibt das Haushaltsloch ein mathematisch unlösbares Problem. Söders Blockade verschärft diese Lage, aber sie ist die Ursache der Misere nur zum Teil.

Gleichzeitig kontrolliert die CSU über Bundesinnenminister Alexander Dobrindt den Verfassungsschutz — jenes Instrument, das Weimer über das Haber-Verfahren zur Kontrolle der Kulturförderung nutzt. Die institutionelle Verknüpfung ist dokumentiert: Die CSU kontrolliert den Geheimdienst, der dem CDU-nahen Kulturstaatsminister die Daten liefert, mit denen Buchhandlungen ausgeschlossen werden. Und die SPD? Sie trägt dieses Kabinett mit. Wenn Weimer den Verfassungsschutz zur Kontrolle der Kulturförderung instrumentalisieren kann, geschieht das in einer Regierung, die von der SPD mitgetragen wird. Acht SPD-Kulturminister der Länder fordern die Achtung unabhängiger Jurys — aber auf Bundesebene bleibt der sozialdemokratische Justizminister still. Diese Leerstelle spiegelt die reale Ohnmacht der SPD als Juniorpartner, die den Koalitionsfrieden über die Verteidigung der Kunstfreiheit stellt.

Währenddessen verrotten die Schulen. Das KfW-Kommunalpanel 2025 beziffert den kommunalen Investitionsstau auf 215,7 Milliarden Euro — ein Rekordwert, Anstieg um 15,9 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Allein bei den Schulgebäuden beträgt die Lücke 67,8 Milliarden Euro. 19 Prozent der Kommunen geben an, den Unterhalt ihrer Infrastruktur „nur noch eingeschränkt oder gar nicht mehr leisten” zu können [35][36].

Die Wählerwanderungsdaten der Bundestagswahl 2025 machen den Zusammenhang sichtbar: Die AfD gewann über eine Million Wähler von der CDU/CSU und 720.000 von der SPD. Ihre größte Quelle: 1,8 Millionen ehemalige Nichtwähler [37]. Der „harte Kante”-Wahlkampf der CDU/CSU brachte fast null AfD-Wähler zurück. Die WSI-Studie der Hans-Böckler-Stiftung (August 2025) stellt klar fest: „Es gibt kaum empirische Evidenz dafür, dass das Übernehmen rechter Positionen durch demokratische Parteien dazu führt, dass extrem rechte Parteien geschwächt werden — eher im Gegenteil: es führt häufig zu deren Aufwertung, Legitimation und Normalisierung” [38].

AfD-Neuwähler:innen vertreten häufiger als die Stammwählerschaft „linkere” wirtschaftspolitische Positionen — sie sprechen sich für Verringerung der Ungleichheit und höheren Mindestlohn aus. AfD-Wähler berichten überdurchschnittlich häufig von problematischen Arbeitsbedingungen, mangelnder Anerkennung im Job und großen Sorgen um ihre wirtschaftliche Situation [39].

Sie tun dies unter völliger Verkennung des AfD-Parteiprogramms. Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin), hat diesen Widerspruch als „AfD-Paradox” dokumentiert: Die AfD vertrete eine „extrem neoliberale Wirtschafts- und Finanzpolitik” und spreche sich „noch stärker und umfassender für eine marktorientierte Wirtschafts-, Finanz- und Sozialpolitik aus als die FDP — obwohl die beiden Parteien recht unterschiedliche Wählerklientele haben” [40]. Konkret: Die AfD will die Erbschaftsteuer senken, den Solidaritätszuschlag für Spitzenverdiener komplett abschaffen und das Bürgergeld auf sechs Monate begrenzen. Keine Partei im Bundestag fordert stärkere Einschnitte bei den Sozialleistungen. Der Erhöhung des Mindestlohns auf 12 Euro hat die AfD-Fraktion 2022 im Bundestag nicht zugestimmt — mit Verweis auf die „Marktkräfte” [41]. In Baden-Württemberg brachte die Partei einen Gesetzentwurf ein, der die Tariftreue bei öffentlichen Aufträgen wieder aufheben sollte.

Das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) hat die Verteilungswirkung der Parteiprogramme zur Bundestagswahl 2025 durchgerechnet: Die AfD-Vorschläge stellen Topverdiener überproportional besser — wer mehr als 150.000 Euro im Jahr verdient, darf mit knapp acht Prozent Plus rechnen, während Haushalte mit bis zu 55.000 Euro Jahreseinkommen null bis drei Prozent erhalten. Der Paritätische Wohlfahrtsverband bilanzierte: Die AfD ist „ungeachtet ihrer populistischen Rhetorik eine Partei für die Besserverdienenden mit einem Programm der Umverteilung von unten nach oben” [42].

Parteienforscher Wolfgang Schroeder (WZB Berlin) benennt den Riss offen: „Angesichts einer Wählerschaft, die aktuell überwiegend in den sozial schwächeren Segmenten der Gesellschaft verankert ist, besteht ein offensichtlicher programmatischer Widerspruch mit der nach wie vor eher neoliberalen Ausrichtung der AfD in der Wirtschafts- und Sozialpolitik” [43]. Der AfD-nahe Ideologe Erik Lehnert, Fraktionsgeschäftsführer in Brandenburg und Herausgeber der neurechten Theoriezeitschrift Sezession, formulierte die Konsequenz mit bestechender Offenheit: Weniger Migration bedeute weniger Arbeitskräfte, und das habe Folgen für alle. Seine Ansage an die eigenen Wähler: „Ihr werdet in Zukunft länger arbeiten müssen und weniger Urlaub machen.”

Die AfD-Wähler wählen also eine Partei, deren Programm ihren eigenen wirtschaftlichen Interessen diametral widerspricht — weil die kulturelle Rahmung (Migration, Identität, „Wir gegen die”) die programmatische Realität überdeckt. In einer Infratest-Umfrage vom Juni 2025 kommt die AfD auf 23 Prozent — die CDU/CSU ist auf 29 Prozent geschrumpft.

Das Muster: Söder blockiert Reformen, die den materiellen Abstieg aufhalten könnten. Weimer diszipliniert den Kulturbereich, der diesen Zusammenhang benennen könnte. Die AfD profitiert von beidem — vom materiellen Versagen und von der kulturellen Normverschiebung.

Ein KI-generiertes Bild im Stil eines Ölgemäldes. Eine Reihe von Dominosteinen fällt kaskadenartig. Jeder Stein zeigt ein kulturelles oder institutionelles Gebäude: ein Theater (fällt), ein Museum, ein Buchladen, eine Zeitung, ein Fernsehturm und ein Parlament (noch stehend). Es illustriert den Domino-Effekt auf die Kunstfreiheit unter Druck.

Die Normverschiebung: Wo die Parallelen zur Weimarer Republik liegen

Die Leipziger Autoritarismus-Studie 2024 dokumentiert die Verschiebung empirisch. Im Westen Deutschlands hat die Zustimmung zu ausländerfeindlichen Aussagen dramatisch zugenommen: 20 Prozent teilen ein geschlossenes ausländerfeindliches Weltbild — 2022 waren es noch 13 Prozent. Ausländerfeindlichkeit hat sich zu einem „bundesweit geteilten Ressentiment” entwickelt [44]. 15 Prozent der Bevölkerung stimmen der Aussage zu: „Wir sollten einen Führer haben, der Deutschland zum Wohle aller mit starker Hand regiert.” Unter 18- bis 34-Jährigen haben 7 Prozent ein geschlossen rechtsextremes Weltbild — doppelt so viel wie bei mittleren Altersgruppen [45].

Die FES-Mitte-Studie 2024/25 bestätigt: Jede fünfte Person äußert sich ambivalent gegenüber rechtsextremen Aussagen — ein Graubereich, der sich verfestigt hat und eine Offenheit für antidemokratische Orientierungen signalisiert [46].

Wo liegen die Parallelen zur Weimarer Republik? Die Weimarer Demokratie starb an einer Serie von Verschiebungen: erst die kulturelle Normalisierung antidemokratischer Positionen (der Kampf gegen „Kulturbolschewismus”, die Denunziation moderner Kunst als „entartet”), dann die institutionelle Umgestaltung (Personalpolitik, Gleichschaltung der Presse, Aushebelung unabhängiger Gremien), dann die Gesetzgebung (Ermächtigungsgesetz). Jede Stufe machte die nächste denkbar.

Was Weimer tut, bedient sich strukturell der ersten Stufe: Personalwechsel am ersten Amtstag, Erstellung von Listen aller Jurymitglieder, Verfassungsschutz-Screening von Kultureinrichtungen, versuchte Absetzung einer Festivalleitung, Umschreibung der Erinnerungskultur. Der Verfassungsblog hat die Buchhandlungspreis-Affäre unter dem Titel „Weimerer Verhältnisse” analysiert — ein bewusst gewähltes Wortspiel, das die Anklänge benennt, ohne die Gleichsetzung zu behaupten.

Die entscheidende Differenz: Die Bundesrepublik hat funktionierende Gerichte (die Buchhandlungen klagen), eine lebendige Zivilgesellschaft (115 von 118 Preisträgern solidarisieren sich), eine freie Presse und Art. 5 Abs. 3 GG ohne Gesetzesvorbehalt. Die Institutionen wehren sich. Die Frage ist, ob sie schnell genug sind — oder ob die Normverschiebung die Widerstandsfähigkeit der Institutionen untergräbt, bevor diese wirksam werden.

Denn parallel verschiebt sich die Medienlandschaft. Der Reformstaatsvertrag, seit Dezember 2025 in Kraft, reduziert das öffentlich-rechtliche Angebot erheblich: 17 Radiosender und 5 TV-Sender werden gestrichen [47]. Der AfD-Spitzenkandidat in Mecklenburg-Vorpommern hat angekündigt, im Falle eines Wahlsiegs den Rundfunkstaatsvertrag einseitig zu kündigen. Social-Media-Algorithmen verstärken die Polarisierung: Eine Bertelsmann-Studie zur Bundestagswahl 2025 zeigt, dass „Videos von Parteien an den politischen Rändern von den Empfehlungsalgorithmen bevorzugt werden, während Beiträge der politischen Mitte seltener in den Feeds erscheinen” [48].

Ein detailreiches, KI-generiertes Bild im Steampunk-Stil. Ein komplexer mechanischer Seismograph mit einem Messingstift zeichnet eine dunkle Tinte-Wellenlinie auf gealtertes Pergament. Die Wellenlinie formt eine Miniatur-Stadtskylineskyline, die eine diverse Kulturlandschaft darstellt. Frische Tintentropfen sind auf dem Papier. Das Bild ist eine kraftvolle Illustration der Kunstfreiheit unter Druck.

Kultur als Seismograph: Warum Kunst kein Luxus ist

Wer Kultur als Ablenkung vom „eigentlichen” Problem (Wirtschaft, Infrastruktur, soziale Sicherheit) abtut, reproduziert exakt jene Hierarchie, die autoritäre Verschiebungen ermöglicht. Kulturpolitische Eingriffe sind Frühindikator, Katalysator und Infrastruktur demokratischer Erosion — gleichzeitig.

Frühindikator, weil sich an der Kulturpolitik ablesen lässt, was politisch gewollt, aber noch nicht mehrheitsfähig ist. Wenn ein Kulturstaatsminister den Verfassungsschutz als Gatekeeper der Kulturförderung installiert, testet er eine Kontrollarchitektur, die auf andere Bereiche ausgeweitet werden kann.

Katalysator, weil kulturelle Normverschiebungen die materielle Politik flankieren. Söders Blockade von Steuerreformen wird wirksamer, wenn die kulturellen Räume schrumpfen, in denen der Zusammenhang zwischen Steuerpolitik und sozialem Abstieg benannt wird. Weimers Gender-Verbot, seine Umgestaltung der Erinnerungskultur, sein Buchhandlungspreis-Ausschluss — all das verschiebt die Grenzen des Sagbaren und normalisiert staatliche Einflussnahme auf Inhalte.

Infrastruktur, weil unabhängige Kulturinstitutionen — Theater, Museen, Buchhandlungen, Festivals, freie Medien — die Orte sind, an denen eine Gesellschaft Konflikte öffentlich verhandelt, statt sie gegeneinander auszutragen. Wer diese Orte unter Aufsicht stellt, zerstört die deliberative Infrastruktur der Demokratie.

Die WSI-Studie von 2025 bestätigt: AfD-Wähler haben seltener Zugang zu betrieblicher Mitbestimmung, sind seltener in Vereinen organisiert und berichten häufiger von mangelnder Anerkennung. Es sind nicht die „Abgehängten” — es sind Menschen, die das Gefühl verloren haben, gehört zu werden. Kultur ist einer der Orte, an dem dieses Gehörtwerden stattfinden kann. Oder eben nicht.

Wohin das führt, wenn nichts passiert

Die Daten zeichnen ein klares Bild. Die CDU/CSU hat bei der Bundestagswahl 2025 über eine Million Wähler an die AfD verloren — und fast null zurückgewonnen, trotz Anti-Migrations-Wahlkampf. Die SPD hat das schlechteste Ergebnis ihrer Geschichte eingefahren. Die AfD mobilisiert primär Nichtwähler: 1,8 Millionen Menschen, die vorher gar nicht zur Wahl gegangen sind, haben 2025 AfD gewählt. In einer Infratest-Umfrage vom Juni 2025 liegt die AfD bei 23 Prozent, die schwarz-rote Koalition hat keine Mehrheit mehr.

Gleichzeitig zeigt die Forschung: AfD-Wähler sind nicht ausschließlich von Ressentiment getrieben. Viele vertreten sozial- und verteilungspolitisch progressive Positionen. Die WSI-Studie belegt, dass AfD-Neuwähler sich häufiger für Verringerung der Ungleichheit und höheren Mindestlohn aussprechen. Materielle Deprivation und kulturelle Ressentiments sind verwoben — aber die Forscher warnen explizit davor, die sozialpolitische Dimension zu ignorieren.

Solange die demokratischen Parteien keine glaubwürdige Antwort auf den Investitionsstau, die Prekarisierung der Arbeitswelt und die Erosion öffentlicher Infrastruktur geben, werden die Wähler weiter zur AfD abwandern. Und solange die Kulturpolitik den Resonanzraum verengt, in dem diese Zusammenhänge artikuliert werden können, wird die Abwanderung als „kulturelles Problem” (Migration, Gender, Leitkultur) fehlcodiert — statt als das, was sie primär ist: eine Reaktion auf reales institutionelles Versagen.

Kunstfreiheit verteidigen heißt Demokratie verteidigen

Artikel 5 Absatz 3 des Grundgesetzes garantiert die Kunstfreiheit ohne Gesetzesvorbehalt — eine der stärksten Grundrechtsgarantien der Verfassung. Kein Staat darf sich zum „Kunstrichter” aufspielen. Gleichzeitig gewährt Art. 5 Abs. 3 keinen Anspruch auf Förderung. Die Grenze verläuft beim Gleichheitssatz und beim Neutralitätsgebot: Der Staat darf Schwerpunkte setzen, aber keine Kunstrichtungen diskriminieren.

Genau hier liegt der neuralgische Punkt. Weimer sagt, er schränke keine Kunstfreiheit ein — er entscheide nur, was mit Steuergeldern gefördert werde. Formal korrekt. Faktisch eine Aushöhlung: Wenn der Verfassungsschutz über Buchhandlungspreise mitentscheidet, wenn Festival-Intendantinnen wegen politischer Äußerungen auf Bühnen unter Druck gesetzt werden, wenn Gendersprache aus der öffentlichen Kommunikation verbannt wird und Erinnerungskultur politisch umgeschrieben wird, dann entsteht ein Klima, in dem Selbstzensur zum rationalen Verhalten wird. Die Freiheit bleibt formal bestehen — und wird faktisch zur Attrappe.

Der Deutsche Kulturrat hat am 17. März 2026 einstimmig die Resolution „Kunstfreiheit achten, Unabhängigkeit von Jurys garantieren” verabschiedet [49]. Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Kulturrats, bilanzierte: „Ich weiß genau, was Wolfram Weimer nicht gut findet. Aber was wir im Kulturbereich nicht wissen, ist, was er machen will.”

Vielleicht ist genau das der Punkt. Kulturpolitik, die primär über Verbote, Ausschlüsse und Kontrolle definiert wird, braucht kein positives Programm. Sie braucht nur genug Angst, um Selbstzensur als Normalzustand zu etablieren.

Kunstfreiheit, Kulturkampf und demokratische Erosion: Warum Widerspruch jetzt zählt

Wolfram Weimer ist ein Symptom. Er agiert in einem System, das materielle Ungleichheit produziert, die kulturelle Verarbeitung dieser Ungleichheit diszipliniert und die politischen Alternativen zur Unkenntlichkeit blockiert. Söder bremst die Reformen, die den sozialen Abstieg aufhalten könnten. Weimer verengt die Räume, in denen der Zusammenhang benannt werden könnte. Die AfD profitiert von beidem.

Kunst und Kultur sind in diesem Kontext der Ort, an dem eine Gesellschaft sich selbst versteht — oder eben aufhört, sich verstehen zu wollen. Jede Buchhandlung, die vom Preis ausgeschlossen wird, jede Intendantin, die unter Druck gesetzt wird, jede Förderklausel, die politische Gesinnungsprüfung verlangt, verengt diesen Ort. Und jede Verengung macht die nächste wahrscheinlicher.

Die Frage ist nicht, ob wir 1933 wiederholen. Die Frage ist, ob die Institutionen — Gerichte, Zivilgesellschaft, unabhängige Medien, Kunstfreiheit — stark genug sind, die Verschiebung aufzuhalten. Die Buchhandlungen klagen. 115 von 118 Preisträgern solidarisieren sich. 700 Filmschaffende unterzeichnen offene Briefe. Der Kulturrat verabschiedet einstimmige Resolutionen.

Noch funktioniert das. Wie lange noch, hängt davon ab, wie viele Menschen bereit sind, Widerspruch als demokratische Pflicht zu begreifen — und Kunst als den Seismographen ernst zu nehmen, der sie ist.

Quellen und Fußnoten

1 Tagesspiegel, November 2025

2 taz, Mai 2025

3 Plateforme

4 ZDF, April 2025

5 Monopol, April 2025

6 Bundesregierung, 2026

7 netzpolitik.org, Juni 2025

8 t-online, März 2026

9 Tagesspiegel, März 2026

10 Kunstforum, März 2026

11 Chytomo, März 2026

12 Hessenschau, März 2026

13 Verfassungsblog, März 2026

14 nd-aktuell, März 2026

15 Börsenblatt, März 2026

16 Berliner Zeitung, März 2026

17 Tagesspiegel, März 2026

18 Monopol, März 2026

19 taz, März 2026

20 Jüdische Allgemeine, März 2026

21 Berliner Zeitung, März 2026

22 Jüdische Allgemeine, September 2025

23 Kunstforum, Mai 2025

24 Amnesty International, Oktober 2024

25 Verfassungsblog, Oktober 2024

26 Monopol, 2024

27 nd-aktuell, Januar 2024

28 Verfassungsblog, November 2024

29 LTO, Juli 2024

30 IPG Journal, Juli 2024

31 taz, Oktober 2025

32 Amnesty International, Januar 2024

33 Verfassungsblog, Juni 2025

34 Wikipedia: Gutachten zu den rechtlichen Folgen von Israels Besatzungspolitik

35 KfW Kommunalpanel 2025

36 Difu, Juli 2025

37 Infratest dimap / Tagesspiegel, Februar 2025

38 WSI Study Nr. 42, Hövermann 2025

39 WSI / Hans-Böckler-Stiftung, 2024

40 DIW Berlin, 2023

41 DGB: AfD — Der Feind der Beschäftigten

42 Der Paritätische, Januar 2025

43 taz, 2023

44 Leipziger Autoritarismus Studie 2024 / Otto Brenner Stiftung

45 Amadeu Antonio Stiftung, November 2024

46 FES Mitte-Studie 2024/25

47 heise online, November 2025

48 Bertelsmann Stiftung, 2025

49 Deutscher Kulturrat, März 2026

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Cornelia Es Said ist bildende Künstlerin und Publizistin in Berlin. Ihre figurative Ölmalerei und ihre Essays kartografieren Machtstrukturen, digitale Infrastrukturen und demokratische Erosion. Mehr zu ihrer Malerei: corneliaessaid.de.